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Full text of "Die christlichen literaturen des Orients"

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, Sammlung Goschen 

^iljlyljjl^; 

Ell Die 
christlichen Literaturen 
des Orients 

Von 

Dr. Anton Baumstark 
II 

IL Das christlich « arabische 
unddas äthiopische Schrifttum 

IIL Das christliche Schrifttum 
der Armenier und Georgier 




528 



6ainin(und (S^oji^en 

Unfer fieutiöe^ JBtffen 

in fursett/ Haren, a((demetnt)er{Tän6(tc^en 

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t)uc^f)an&(ung / ®corg [Reimer / Äarl 3- 3;riibncr / 2Jeit 6 (Somp. 

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Stoerf unb 3ißt ber „©ammlung ©ofc^cn^ 
ip, in ÖinsetbarjTeUungcn eine flare, teid)t» 
Derfld'nMid^e un5 iiberfid)tlid)e Ginfiit)rung 
in famtlic^e ©ebiefe 5er 23iffenfd)aft unb 
Xt(i}n\t 3U geben; in engem jCRai^men, auf 
fireng tDijTenfd)af({id)er ©runblage unb unfer 
:Seriic!j7c^figung be^ neuejTen ©ianbet^ ber 
Sorfd^ung bearbeitet, foll j'ebeö 23anb^en 
3UDeridfjTge S'etef^rung bieten. 3ebee5 ein3elne 
&ebki ijT in jT<^ gefd)tD|Ten bargejIeUt, aber 
bennod) j1ef)en alle Sfdnbd^en in innerem Su» 
famment)ange miteinanber, fo ba^ ba^ ©anje, 
tDenn e^ üoUenbet Dorliegt, eine eint)eit(i^e, 
Mematifd)e OarjTeKung unfere^ gefamten 
2ßijTen^ bilben bürfte. 



Ji(uöfüf)rtic^e SJer^eidjniffe 
ber bief^er erfd)icnenen Sonbc umfonfT unb pofTfrci 



Sammlung Göschen 



Die christlichen Literaturen 
des Orients 

VOD 

Dr. Anton Baumstark 



II 



IIJ Das christlich -arabische und das äthiopische Schrifttum 
III. Das christliche Schrifttum der Armenier und Georgier 




Leipzig 

G. J. Qöscheii'sche Verlagshandlung 
1911 



Alle Eechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, 
von der Verlagshandlunp vorbehalten. 



: ELftr'.SLEY 
3QRONTO 6, CAi.^i^A, 

OK ... „ji 



Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig. 



Tnhaltsübersicht. 



Seite 

II. Das christlich-arabische und das äthiopische Schrift- 
tum 7 

A. Die christlich-arabische Literatur ... 7 

1. Die geschichtliche Entwicklung 8 

2. Bibelübersetzungen 12 

3. Apokryphe und hagiographische Literatur . 16 

4. Prof an wissenschaftliche Literatur 19 

6. Theologie 23 

6. Christhches Recht 27 

7. Geschichtschreibung und Ortskunde 31 

8. Poesie 34 

B. Die äthiopische Literatur 36 

1. Die geschichtliche Entwicklung 37 

2. Bibel und Apokryphen 39 

3. Recht und Liturgie 42 

4. Hagiographische Prosa 4Ö- 

5. Geschichtschreibung 48 

6. Wunder-, Unterhaltungs- und Zauberliteratur 51 

7. Gelehrte Literatur 53 

8. Poesie 58 

III. Das christliche Schrifttum der Armenier und 
Georgier 61 

A. Die armenische Literatur 62 

a) Die allgemeine Entwicklung 63 

1. Die vorislamische Zeit 64 

2. Die Zeit der arabischen Herrschaft und 
des Bagratidenreiches 67 

3. Das Zeitalter der Kreuzzüge; der Nieder- 
gang 69 

1* 



Inhaltsübersicht. 

b) Die einzelnen Literaturgebiete 73 

1. Bibel und Apokryphen 73 

2. Liturgie und Gebetsliteratur 75 

3. Die gelehrte Übersetzungsliteratur .... 77 

4. Theologie 80 

5. Profanwissenschaftliche Literatur .... 84 

6. Rechts- und Brief literatur 86 

7. Hagiographische und Unterhaltungsliteratur 88 

8. Geschichtschreibung 90 

9. Poesie 95 

B. Die georgische Literatur 99 

L Charakter und geschichtliche Entwicklung . . 100 

2. Die kirchliche Prosa 102 

3. Historisch-geographische und RechtsUteratur . 105 

4. Poesie und prosaische Unterhaltungsliteratur . 107 

Nachträge 110 

Register 111 



Literatur. 



Christlich-arabische Literatur. 

G. Graf, Die christlich-arabische Literatur bis zur frän- 
kischen Zeit (Ende des 11. Jahrhunderts). (Straßburger 
theologische Studien VII. 1.) Freiburg i. B. 1905. 

C. Brockelmann, Die christlich - arabische Literatur. 
L. d. O. S. 67—74. 

H. Goussen, Beiträge zur christlich-arabischen Literatur- 
geschichte. (Bisher erschienen:) Heft IV. Die christlich - 
arabische Literatur der Mozaraber. Leipzig 1909. 

Vgl. J. Guidi, Le traduzioni degli evangehi in Arabo e 
in Etiopico. Rom 1888: W. Riedel, Die Kirchenrechts- 
quellen des Patriarchats Alexandrien. Zusammengestellt 
und zum Teil übersetzt. Leipzig 1900; Der Katalog der 
christlichen Schriften in arabischer Sprache von Abü'l 
Barakät. Nachrichten der K. Gesellschaft der Wissen- 
schaften zu Göttingen. Philolog.-histor. KJasse. 1902 
S. 635 — 706; M. Steinschneider, Die arabischen Über- 
setzungen aus dem Griechischen, Beihefte zum Central- 
blatt für Bibliothekswesen V und XII; Virchows Archiv 
für pathologische Anatomie und Physiologie und für kli- 
nische Medizin CXXIV S. 115—137; 268—297; 455—488: 
Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft 
L. S. 161—219; 337—417. 

Äthiopische Literatur. 

J. Ludolf , Ad suam historiam Aethiopicam commentarius. 

Frankfurt a. M. 1691. 
L. Goldschmid, Bibliotheca aethiopica. Vollständiges 

Verzeichnis und ausführliche Beschreibung sämtlicher 

aethiopischer Druckwerke. Leipzig 1893. 
C. Conti Rossini, Note per la storia letteraria abissina. 

Rom 1899. 

3005 
.B3 



6 Literatur. 

Th. Nöldeke, Die äthiopische Literatur. K. d. G. 

S. 124— 13L 
E. Littmann, Geschichte der äthiopischen Literatur. L.d.O. 

vS. 185—270. 

Armenische Literatur. 

P. S. So mal, Quadro delle opere di vari autori anticamente 

tradotte in armeno. Venedig 1825. 
Ders., Quadro della storia letteraria di Armenia. Venedig 1829. 
C. Fr. Neu mann. Versuch einer Geschichte der armenischen 

Literatur nach den Werken der Mechitaristen. Leipzig 1836. 
K, Sarbhanalian, Haigagan hin tbruthjan badmuthjun. 

(Geschichte der alten armenischen Literatur. — Armen.) 

3. Aufl. Venedig 1867. 
Ders., Badmuthjun hajeren tbruthjan. Vor madenakruthjun. 

(Geschichte der armenischen Literatur. Das neue Schrift- 
tum. — Armen.) Venedig 1878. 
Ders., Maden atar an haigagan tharkmanuthjanths nachnjaths. 

(Bibliothek der alten armenischen Übersetzungen. — Armen.) 

Venedig 1889. 
Fr. N. Finc k, Die armenische Literatur. K. d. G. S. 282—298. 
Ders., Geschichte der armenischen Literatur. L. d. 0. 

S. 75—130. 
Zeitschrift für armenische Philologie. Marburg 1901 ff. 
Vgl. N. Ter-Mikaelian, Das armenische Hymnarium. 

Studien zu seiner geschichtlichen Entwicklung. Leipzig 1905. 

Georgische Literatur. 

M. J. B rosset, Histoire et litterature de la Georgie. 

'Petersburg 1838. 
A. Chachanow, Otscherki po istorii grususkoj slowjest- 

nosti. (Abriß der Geschichte der georgischen Literatur. — 

Pvuss.) Moskau 1895—1901. 
Fr. N. Finc k. Die georgische Literatur. K. d. G. S. 299—311. 
Vg. H. Goussen, Die georgische Bibelübersetzung. O. C. 

VII S. 300 — 818; A. Palmieri, La conversione ufficiale 
.-degli Iberi al cristianesimo. 0. C. II, S. 130—150; III, 

S. 148 — 172; A. Stegensek, Neuere russische Arbeiten 

zur armenisch-georgischen Philologie. 0. C. I, S. 373 — 378. 



II. Das christlich -arabische und das äthiopische 
Schrifttum. 

Im Gegensatz zu seinem aramäischen Zentrum hat 
zunächst vor allem der Süden des nichtgriechischen 
christlichen Orients ein mehrsprachiges literarisches 
Leben sich entwickeln gesehen. Schon in vorislamischer 
Zeit waren hier neben das koptische das uns vorläufig 
nur mehr schattenhaft kennt Uch werdende christlich- 
nubische und die Anfänge eines äthiopischen 
Schrifttums getreten. Die neue christlich-ara- 
bischeLiteratur der folgenden Jahrhunderte erwuchs 
sodann allerdings nicht minder auf syrischem, als auf 
ägyptischem Boden, aber ihre reichste Lebenskraft hat 
sie doch unstreitig auf dem letzteren entfaltet. Vor 
allem ist es der Süden gewesen, wo ihr an der j üngeren 
äthiopischen eine Tochter Literatur von reichlich 
ebenso stark nationalem als kirchlichem Gepräge er- 
stand, die durch ihre Vermittlung an den literarischen 
Nachlaß des Koptentums anknüpft. Hierzu kommt, daß 
in weitestem Umfange christlich - arabische Literatur- 
denkmäler auch Syriens bei der ägj-ptischen Christen- 
heit Beüebtheit und Ansehen gewannen und aus ihren 
Händen gleich den in Ägypten bodenständigen von der 
Kirche Abessiniens übernommen wurden. 

A. Die christlich-arabische Literatur. 

Das christhche Schrifttum in arabischer Sprache 
nimmt den übrigen christhch-orientalischen Literaturen 



8 Die christlich-arabische Literatur. 

gegenüber eine eigenartige Stellung dadurch ein, daß es 
lediglich einen einzelnen in einem bestimmten reli- 
giösen Bekenntnis wurzelnden Bruchteil der arabischen 
Gesamtliteratur bildet. Gleich dem arabischen Schrift- 
tum der Juden und Samaritaner spielt es im Rahmen 
derselben ihrer mohammedanischen Hauptmasse gegen- 
über eine untergeordnete Rolle. Vom Standpunkte des 
an der Sprachform des Korans gebildeten Kanons sprach- 
licher Klassizität der letzteren aus betrachtet, erscheint 
die christlich-arabische Literatur als eine minderwertige 
Literaturschicht schon durch ihre meist an die lebendige 
Rede des Volkes anknüpfende Sprache, die frühzeitig 
mehr als mit der literarischen Diktion mohammeda- 
nischer Schriftsteller mit den Dialekten des modernen 
Arabisch gemein hat. Wenigstens der sprachwissen- 
schaftlichen Forschung der Jetztzeit sollte gerade diese 
ihre sprachliche Seite dagegen die christlich-arabische 
Literatur einer immer entschiedeneren Beachtung wert 
machen. 

Bisher freihch hat wissenschaftliche Arbeit sich mit 
ihr ungleich weniger als mit anderen Zweigen des christ- 
hch- orientalischen Schrifttums beschäftigt, und soll von 
ihrer wirklichen, denn doch auch nach Umfang und In- 
halt nicht gar so geringen Bedeutung ein bei aller Um- 
rißhaftigkeit wenigstens einigermaßen zutreffendes Bild 
entworfen werden, so darf die folgende Darstellung sich 
nicht wie dem christlich-aramäischen und koptischen 
Schrifttum gegenüber darauf beschränken, in erster Linie 
die bereits in Druckausgaben vorliegenden Literatur- 
denkmäler am Leser vorüberziehen zu lassen. 

1. Die geschichtliche Entwicklung. — Schon an den 
Anfängen eines Uterarischen Lebens der vorislami- 
schen Zeit haben sich christHche Araber, vielleicht 



Die geschichtliche Entwicklung. 9 

sogar in besonders hervorragendem Maße, beteiligt. Doch 
handelte es sich dabei im wesentlichen um eine der reli- 
giösen Sphäre so vollständig als möglich entrückte Be- 
duinenpoesie, die im Munde von Heiden, Christen und 
Juden mit denselben Tönen von Frauenliebe und Kampf- 
getümmel, von der Stärke und Schnelligkeit des Kamels 
und von den Anstrengungen weiter Ritte durch die 
großartige Natur der Wüste kündete. Die Wiege eines- 
ausgedehnten literarischen Gebrauches des Arabischen 
im Dienste der spezifisch christlichen Gedankenwelt ist 
erst seit dem 8. Jahrhundert vor allem das südliche 
Palästina geworden. Namentlich scheinen das Sabas- 
kloster und das Kloster der hl. Katharina auf dem Sinai 
führende Pflegestätten einer ältesten griechisch-ara- 
bischen Übersetzungsliteratur streng kirchlichen Cha- 
rakters gewesen zu sein, deren Eeste durchweg anonym 
auf uns gekommen sind. In die hier von melki tischen 
Kreisen ausgegangene Bewegung sind etwas später auch 
Jakobiten und Nestorianer des syrischen Nord- 
ostens eingetreten, während sich auf der anderen Seite 
in Spanien nicht unbedeutsame Ansätze eines arabischen 
Schrifttums der sogen. Mozaraber, d. h. der seit dem 
Jahre 711 unter mohammedanischer Herrschaft lebenden 
dortigen christlichen Bevölkerung beobachten lassen. 
Statt griechischer sind es naturgemäß hier lateinische, 
dort syrische Vorlagen gewesen, an welche die Über- 
setzungstätigkeit anknüpfte. 

Von der Mitte des 8. bis in den Anfang des 11. Jahr- 
hunderts erstreckt sich daneben die Blütezeit einer über 
ein bloßes Übersetzertum weit hinausgehenden profan- 
wissenschaftlichen Literatur, die, absolut ge- 
nommen, den bedeutungsvollsten Anteil des christ- 
lichen Elementes an der Entwicklung des arabischen 



10 Die christlich-arabische Literatur. 

Oesamtschrifttums darstellt. Selbst allerdings wieder 
«ines religösen Gepräges entbelirend , ist dieselbe doch 
aucli für die Entstehung einer kirchlichen Originallite- 
ratur in arabischer Sprache grundlegend geworden. 

Mit jüdischen Ärzten, mit Vertretern eines in der Sekte 
•der Sabier von Harrän fortlebenden mesopotamischen Heiden- 
tums und mit den ältesten mohammedanischen Gelehrten- 
Generationen zusammen schufen Christen aller Bekenntnisse 
•die Grundlagen arabischer Philosophie, Mathematik, Natur- 
wissenschaft und Medizin. Die gemeinsame Arbeit an der 
Lösung der gleichen großen Kulturaufgabe mußte notwendig 
auch zum Gedankenaustausch über religiöse Fragen anregen, 
und dieser konnte selbst nur in der wieder den Anhängern 
aller Rehgionsparteien geläufigen arabischen Sprache er- 
folgen. So erwuchs, mehrfach durch Korj^häen der profan- 
wissenschafthchen Übersetzungstätigkeit mitvertreten, bald 
ein originales christHch-arabisches Schrifttum von apologetisch- 
polemischer Eichtung, das teils den Grundbestand des christ- 
lichen Dogmas gegen Juden und Mohammedaner verteidigt, 
teils der Auseinandersetzung der verschiedenen christHchen 
Konfessionen untereinander dient. Daß eine Beschäftigung 
mit griechischer Philosophie den Vertretern dieser Literatur- 
schicht die Waffen dialektischen Kampfes geschärft hatte, 
kam demselben nicht unerheblich zustatten und hat seinen 
Gesamtcharakter ganz wesenthch mitbedingt. 

Die Blütezeit einer original-arabischen Kir- 
chenliteratur selbst entspricht alsdann vom 10. bis 
in das 14. Jahrhundert hinein dem Niedergange der sy- 
rischen und koptischen. Jedes der christlichen Haupt- 
bekenntnisse hat in diesem Zeiträume mindestens den 
einen oder anderen arabischen Schriftsteller aufzuweisen, 
dem eine Beschäftigung mit verschiedenen Literatur- 
gebieten eine überragende Bedeutung verleiht. Auf 
melkitischer Seite hat der im Jahre 876 geborene Sa'id 
ibn al-Batriq (Eutychios, Sohn des Patrildos), Patriarch 
von Alexandreia in den Jahren 933 — 940, für Ägypten 
dem Gebrauche des Arabischen bei selbständiger Ute- 



Die geschichtliche Entwicklung. 11 

rarischer Produktion die Bahn gebrochen und im 11. Jahr- 
hundert ein Antiochener, der Diakon und spätere Metro- 
polit Abü-1-Fath 'Abdallah ibn al-Fadl, sich besonderen 
Ruhm erworben. Von Nestorianern ist neben Elias bar 
Sinäjä (vgl. I, S. 50) namentlich der Patriarchalsekretär 
Abü-1-Farag 'Abdallah ibn at-Tajjib (| 104:3) zu nennen. 
Unter den s}Tischen Jakobiten, für deren Anteil an 
kirchlich-arabischer Literatur vielfach die Form des 
sogen. Karsüni, d. h. einer Schreibung des Arabischen 
mit s\Tischen Buchstaben bezeichnend ist, hat vor allem 
Bar 'Ebhräjä (vgl. I, S. 51) sich auch als vielseitiger 
arabischer Schriftsteller ausgezeichnet. 

Ein besonders erheblicher ist endlich der Anteil der 
koptischen Kirche an diesem literarischen Leben gewesen. 
Severus Abü-1-Basr ibn al-Muqaffa', der im Jahre 987 
den Bischofssitz von Asmünain innehatte, gehört hier 
der Frühzeit desselben an. Dem 12. Jahrhundert dürften 
die beiden gleichnamigen Bischöfe Mihä ii (Michael) von 
Damiette bzw. von Atripe und Malig angehören. Im 
13. hat die schlechte Amtsführung des Patriarchen Ky- 
rillos IIL ibn Laqlaq (1235 — 1243) eine Opposition aus- 
gelöst, die wie allgemein eine Art kirchlich-religiöser 
Wiedergeburt, so auch speziell eine Hochblüte der ara- 
bischen Kirchenliteratur heraufführte, an der in erster 
Linie drei miteinander verwandte Schriftsteller al-As ad 
Abü-l-Farag Hibbat Allah, as-Safi Abü-1-Fadä'il und 
al-Mutaman Abu Ishaq, sämtlich mit dem Beinamen 
Ibn al-'Assäl, sowie der Diakon Butrus ibn ar-Rähib 
Abü-1-Karem ibn al-Muhaddab, genannt Abu Säkir, 
beteiligt waren. Im 14. Jahrhundert beschließt endlich 
der Priester Sams ar-Ri'äsa Abü-l-Barakät ibn al-Kibr 
(t 1363) die Reihe dieser hervorragenden Schriftsteller- 
persönlichkeiten. Ein von ihm zusammengestellter und 



12 Die christlich-arabische Literatur. 

einem seiner theologischen Hauptwerke einverleibter 
Katalog christlicher Schriften in arabischer Sprache ist 
für uns als Orientierungsmittel von hohem Werte. 

Als diese Übersicht über das Hterarische Erbe der 
Vorzeit entworfen wurde, hatte bereits der Verfall auch 
des christlich-arabischen Schrifttums begonnen, und 
erst das 17. imd 18. Jahrhundert haben eine bescheidene 
Kenaissance derselben gesehen, an der fast ausschließlich 
Melkiten und Maroniten sich beteiligten und als deren 
bedeutendster Vertreter ein maronitischer Erzbischof 
von Aleppo, Germanos Farhät (t 1732), erscheint. 

2. Bibelübersetzungen. — Eine Literatur, zu deren 
Beständen, abgesehen von Abessiniern, Armeniern und 
Georgiern, sämtliche Earchen des Orients beigesteuert 
haben, weist naturgemäß einen geradezu verwirrenden 
Keichtum an verschiedenen Bibeltexten auf. Doch hat 
es sich bei den mannigfachen Arbeiten auf dem Gebiete 
arabischer Bibelübersetzung einerseits fast durchweg um 
mindestens ursprünglich rein private Gelehrtenunter- 
nehmungen gehandelt, von denen selbst nachträglich 
nur eine Minderzahl eine Art von tatsächlicher kirch- 
licher Sanktion erfuhr; andererseits scheinen es in den 
meisten Fällen nur einzelne Teile der Bibel gewesen zu 
sein, denen sich die Tätigkeit eines bestimmten Über- 
setzers zuwandte. Kaum hat auch nur bei einer ein- 
zigen der an der Entwicklung des christlich-arabischen 
Schrifttums interessierten Konfessionen ein einheitlicher 
arabischer Text der Gesamtbibel autoritative Geltung 
gewoimen. 

Eine vollständige Übersetzung beider Testamente nach 
dem Hebräischen bzw. Griechischen hatte allerdings schon in 
früherer Zeit 'Abdallah ibn Saläm, der Sohn eines im Jahre 663 
verstorbenen bekehrten Juden, geschaffen. Doch sind wir 
außerstande, auch nur einen einzigen erhaltenen arabischen 



Bibelübersetzungen. 13 

Text irgend eines biblischen Buches mit Bestimmtheit als 
einen Rest seines bahnbrechenden Werkes ansprechen zu 
können. Eine Nachahmung hat dasselbe sodann vielleicht 
nicht mehr gefunden, bis der maronitische Erzbischof Sirgis 
ar-Rizzi (Sergius Risius) im Auftrage der Propaganda seine 
zu Rom im Jahre 1671 im Druck erschienene Gesamtrezension 
der arabischen Bibel unter Benützung älterer Texte auf Grund 
des Lateinischen der Vulgata ausarbeitete. 

Was zunächst das Alte Testament anlangt, so 
reichen die ältesten erhaltenen Splitter arabischer Texte 
bis in das 8. Jahrhundert hinauf. Die Melkiten haben 
hier aus dem Griechischen, die Kopten aus dem Bohai- 
rischen, in den syrischen Nationalkirchen hat man teils 
nach der Pesittä, teils nach dem syro-hexaplarischen 
Texte übersetzt. Daneben fanden auch in christlichen 
Kreisen die aus dem hebräischen Urtext geflossene Über- 
tragung des jüdischen Gelehrten Sa'adjä Gä'ön (| 942) 
und eine samaritaniscb-ara bische Pentateuchübersetzung 
Verbreitung, die, im 11. Jahrhundert entstanden, um die 
Mitte des 13. durch einen AbüSa'id eine Neubearbeitung 
erfuhr. 

Das vielleicht schlechthin älteste erhaltene Denkmal 
spezifisch christhchen arabischen Schrifttums stellt die Über- 
setzung von zwanzig Versen des Psalms 77 dar, die auf vier 
in einer Moschee zu Damaskus ans Tageshcht getretenen 
Pergamentblättern spätestens des ausgehenden 8. Jahrhunderts 
den entsprechenden griechischen Text begleitet. An Alter 
denselben zunächst stehen eine aus dem Griechischen ge- 
flossene Übertragung des Sirachbuches, welche das Sinai- 
kloster in einer Handschrift des 9. Jahrhunderts besitzt, und 
Bruchstücke eines arabischen Textes des Buches Hiob, dem 
der syro-hexaplarische als Grundlage gedient hat. Aus dem 
letzteren hat noch im Jahre 1486 ein Härit ibn Sinän den 
Pentateuch und das Buch der Weisheit übersetzt. Auf die 
PeSitta gehen arabische Texte von Ruth, Samuel, Königen, 
Chronik, Nehemia und Hiob, auf das Griechische solche der 
Propheten und des in einer ganzen Reihe von verschiedenen 
Textrezensionen vorHegenden Psalters zurück. Als christ- 



1-1: Die christlich arabische Literatur. 

lieber Bearbeiter der Übersetzung Sa'adjä Gä^ons wird ein 
Kopte Fadl Allah ihn Tädrus aus iJt-Kairo namhaft gemacht. 

Vom Neuen Testament waren es begreif licher- 
^Yeise vor allem die Evangelien, von denen man einen 
immer mehr befriedigenden arabischen Text zu gewinnen 
sich rastlos bemühte. Einer Reihe teilweise unter sich 
verwandter unmittelbar auf das Griechische zurück- 
gehender Rezensionen frühester Zeit stehen hier zuerst 
eine Gruppe auf der Pesittä beruhender Texte, ein älterer 
koptisch-arabischer und die auf der Vulgata beruhende 
Vierevangelienübersetzung des Mozarabers Ishaq ibn Ba- 
lisak (Isaak Velasquez?) vom Jahre 946 gegenüber, die 
es zu einer Verbreitung bis nach dem asiatischen Osten 
brachte. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts hat alsdann 
al-As'ad Abü-1-Farag Hibbat Allah ibn al-'Assäl eine 
kritische Ausgabe des arabischen Evangelientextes ge- 
schaffen, deren Anmerkungen über die Varianten des 
griechischen, syrischen und koptischen Aufschluß gaben, 
und noch später ist die Vulgärgestalt des arabischen Evan- 
lienbuches der koptischen Kirche entstanden, die auch auf 
syrischem Boden sich Freunde erwarb, wie denn schon 
früher vielfach die verschiedenen Textgestalten sich beein- 
flußt und infolgedessen Mischtexte sich ergeben hatten, 
die zwischen den genannten Haupttypen des arabischen 
Evangelienbuches eine Mittelstellung einnehmen. 

Die ältesten sowohl aus dem Griechischen, als auch aus 
der PeSittä geflossenen arabischen EvangeUenübersetzungen 
lassen sich an der Hand der Textüberlieferung wieder bis in 
das 8. Jahrhundert hinauf verfolgen. Unter den Texten der 
ersteren Gruppe nimmt eine eigentümhche Stellung der mehr 
eine Paraphrase als eine wörtÜche Wiedergabe des Originals 
bietende ein, der in einer Handschrift der vatikanischen 
Bibliothek vorhegt, die, aus Teilen von verschiedenem Alter 
bestehend, einstmals den Psalter und das ganze Neue Testament 
mit Ausnahme der Geheimen Offenbarung enthalten hat, in 



Bibelübersetzungen. 15 

ihrem heutigen Zustande aber nurmehr außer dem selbst 
unvollständigen Texte der Evangelien einen solchen der 
Paulusbriefe enthält. Bis in das 9. Jahrhundert vermögen 
wir die Geschichte der außerevangelischen Bestandteile des 
arabischen Neuen Testaments zurückzuverfolgen. Das Älteste, 
was sich hier erhalten hat, sind je ein aus dem Griechischen 
übersetzter Text der Apostelgeschichte und der fünf Paulus- 
briefe an die Römer, Korinther, Galater und Ephesier, von 
welchen der zweite eine nachträgliche Korrektur auf Grund 
der PeSittä erfahren zu haben scheint, und eine Übersetzung 
der katholischen Briefe nach dem syrischen Text der Hera- 
clensis. Besonders zahlreich sind auf jakobitischem Boden 
auch evangelische Lektionare in arabischer Sprache ver- 
treten. Wie kompliziert sich die Entstehungsverhältnisse 
einzelner Übersetzungen gestalteten, dafür ist die Tatsache 
bezeichnend, daß in einer Handschrift des 15. Jahrhunderts 
bei einem Texte der Paulusbriefe ausdrücklich für einen Brief 
eine gyrische, für einen anderen eine saidische, für einen dritten 
eine bohairische Vorlage bezeugt wird. 

Vielleicht noch einer etwas älteren Zeit als derjenigen 
des Abü-l-Farag ihn at-Tajjib, dem sie nur in der einen 
von zwei sie überliefernden Handschriften zugeschrieben 
wird, entstammt die arabische Nachbildung des Tatiani- 
schen Diatessaron (vgl. I, S. 55 f.). Eine Eigentüm- 
lichkeit der christlich-arabischen Literatur sind endlich 
mehrere sprachlich elegante Bearbeitungen der Evan- 
irelien in gereimter rhythmischer Prosa, mit denen dem 
Koran ein literarisches Seitenstück christlichen Cha- 
rakters gegeben werden wollte. Der älteste, in einer 
Handschrift vom Jahre 993 vorliegende Versuch dieser 
Art hat vielleicht ein ^Mitglied der persischen Ärztefamilie 
der Bochtisö' (vgl. S. 20), ein zweiter keinen Geringeren 
als 'Abhdisö' bar Berikhä, den letzten Stern der syrisch- 
nestorianischen Literatur, und ein im Anschluß an diesen 
letzteren gemachter dritter vom Jahre 1691 einen Maro- 
niten Abü-1-Mawähib Ja qüb ibn Na'ma ibn Butrus ad- 
Dibsi zum Urheber. 



16 Die christlich- arabische Literatur. 

3. Apokryphe und hagiographische Literatur. — Nächst 
<ier Bibel war es die Welt der Heiligenlegende und man- 
nigfachen Apokryphengutes, womit arabische Über- 
setzer verschiedenen Bekenntnisses sich von allem An- 
fang einer christlich-arabischen Literaturentwicklung an 
mit Eifer beschäftigten. Was an einschlägigen Texten bei 
den Christen Syriens und Ägyptens seit der Begründung 
der mohammedanischen Herrschaft einen beliebten Lese- 
stoff gebildet hat, erfuhr wohl auch eine Übertragung ins 
Arabische. Eine Vermeh.rung dieser apokryphen und 
bagiographischen Übersetzungsliteratur aus dem Grie- 
chischen, Syrischen und Koptischen um arabische Ori- 
ginalschöpfungen verwandten Geistes dürfte sich dagegen 
in verhältnismäßig bescheidenen Grenzen gehalten haben, 
wenngleich auch sie keineswegs unterschätzt werden darf. 

Historisch hatte die arabische Verarbeitung älterer, vor 
allem legendarischer Texte die nicht geringe Bedeutung, daß 
bisher auf eine einzige Konfession beschränkt gebliebenes 
Out in dem neuen Sprachkleide sich auch bei anderen ein- 
bürgern konnte. Besonders zwischen den beiden monophy- 
sitischen Kirchen der Kopten und Jakobiten hat so ein äußerst 
reges gegenseitiges Geben und Nehmen stattgefunden, das 
es mitunter als zweifelhaft erscheinen läßt, auf welcher der 
beiden Seiten ein bestimmter Text seine ursprünghche Heimat 
habe. Für uns besitzen naturgemäß diejenigen Stücke einen 
besonderen Wert, die, wenn sie nicht arabische Originale 
sind, doch auf eine nicht oder nur unvollständig erhaltene 
Vorlage zurückgehen. 

Von erzählenden Apokryphen verdienen neben dem 
vollständigen arabischen Text der koptisch nurmehr in 
Bruchstücken kenntlicb werdenden Sammlung von Apo- 
stelgeschichten, vor allem mehrere die Kindheits- und 
Auferstehungsgeschichte ausmalende „Evangelien" Her- 
vorhebung. Vom Gebiete der apokryphen Erzählung auf 
dasjenige der apokryphen Lehrschrift führt eine große 



Apokryphe und h agiographische Literatur. 17 

spezifisch arabische Petrusapokalypse hinüber, die sich 
als ein Werk des Petrusschülers Klemens gibt und niit 
Elementen romanhafter Apostellegende Offenbarungen 
verbindet, welche Petrus und Jakobus über alles ,,vom 
Anfang der Schöpfung bis zum Ende der Zeit" aus dem 
Munde Christi empfangen hätten. Das umfangreiche, 
vielleicht eher in Syrien als in Äg^-pten entstandene Li- 
teraturdenkmal, dessen Existenz erstmals durch ein 
Schreiben des Bischofs von Acco Jacobus de Vitriaco an 
Papst Honorius III. (1216 — 1227) bezeugt wird, verdient 
trotz seines verhältnismäßig geringen Alters eine größere 
Beachtung, als sie ihm bislang zuteil wurde. 

Zwei Kindheitsevangelien, das .,EvangeUum von der 
Kindheit des Erlösers" und eine Übersetzung der bohai- 
rischen „Geschichte des Zimmermanns Joseph", sind be- 
sonders charakteristische Stücke der jungen arabischen Apo- 
kryphenliteratur. Die durch ein Handschriftenbruchstück 
noch des 9. Jahrhunderts erhaltenen Reste einer Übersetzung 
des sog. Xikodemusevangehums, welches die Leidens- und 
Auferstehungsgeschichte sowie die Höllenfahrt der Seele 
Christi zum Gegenstand hat, sind dem vollständigen grie- 
chischen Texte gegenüber wenigstens ausführlicher. Ein auf 
den Kindheitsevangelien und dem Nikodemusevangelium 
beruhendes Herrenleben in einer Handschrift des 13. Jahr- 
hunderts zu Florenz gewinnt durch die den Text begleiten- 
den Federzeichnungen auch eine gewisse kunstgeschichtliche 
Bedeutung. Zu der großen in Ägypten heimischen Samm- 
lung apokrypher Apostelakten büdet eine Ergänzung der in 
Syrien bodenständige Kargünitext einer „Geschichte der 
Apostel Petrus und Paulus", welche der hl. Aphrem in Gegen- 
wart des hl. Basüeios vorgetragen haben soll. Daß schließlich 
in verschiedenen Rezensionen auch arabisch die Legenden 
von Tod und Himmelfahrt der Gottesmutter gelesen wurden, 
ist so selbstverständlich, daß es kaum ausdrücklicher Er- 
wähnung bedarf. StoffUch Alttestamentliches tritt dem 
allem gegenüber in der apokryphen arabischen Erzählungs- 
literatur einigermaßen zurück. Neben dem arabischen Text 
eines christlichen Adambuches ist eine „Geschichte der Weg- 
Baumstark, Christi. Literatur. II. 2 



18 Die christlich-arabische Literatur. 

fühning der Israeliten nach Babylon" hervorzuheben, die 
im letzten Grunde jüdischen Ursprungs ist, unmittelbar aber 
dem arabischen Übersetzer in einer syrischen Textgestalt 
vorgelegen hatte. Von lehrhaften Apokryphen hat das vierte 
Ezrabuch eine zweimalige ziemlich freie arabische Bearbeitung 
erfahren; ein arabischer Text der Paulusapokalypse nimmt 
gleichfalls dem griechischen und syrischen gegenüber eine 
eigentümHch selbständige Stellung ein; eine Danielapoka- 
l>Tse gibt ein griechisches Original wieder, das jedenfalls in 
islamischer, vielleicht sogar erst in der Zeit der Kreuzzüge 
entstanden war. 

Nach Abzug der Apostellegenden nehmen in der fast 
unübersehbaren Masse arabischer Heiligengeschich- 
ten einen hervorragenden Platz schon vermöge ihres 
Alters die spätestens vor Ausgang des 9, Jahrhunderts 
wohl sicher im Sabaskloster entstandenen Übersetzungen 
der Biographien ein, welche im 6. Jahrhundert Kyrillos 
von Skythopolis den palästinensischen Mönchsheiligen 
Euthymios, Theodosios, Sabas und dessen Schüler Abra- 
mios gewidmet hatte. Gleich diesen aus melkdtischen 
Kreisen hervorgegangen ist eine Übersetzung des auf den 
buddhistischen Legendenkreis Indiens zurückweisenden 
asketischen Eomans von Barlaam und Joasaph, dessen 
griechisches Original bereits einen Mönch des Sabas- 
klosters zum Verfasser gehabt hatte. Neben einem Texte 
der Ahiqarsage zeigt dieselbe, wie auch in arabischem 
Sprachkleide ursprünglich nichtchristliche Erzählungs- 
stoffe dem Zweck erbaulicher Unterhaltung dienten. 

Syrische Heiligengeschichten haben späterhin nament- 
lich an Jakobiten, sowohl saidische als bohairische haben an 
Kopten ihre arabischen Übersetzer gefunden. Martyrien, 
legendarische Eomane wie diejenigen vom „Manne Gottes" 
aus Rom und von Archellites, Wundererzählungen aller Art 
wechseln miteinander in den noch so gut als völlig ungenützten 
handschrifthchen Sammlungen von Denkmälern dieser Lite- 
raturschicht, von denen beispielsweise eine im Besitz des 
jakobitischen Markusklosters zu Jerusalem befindliche nicht 



Profanwissenschaftliche Literatur. 19 

weniger als 125 Nummern umfaßt. Einen besonders breiten 
Raum nimmt begreiflicherweise auch hier das Mönchsge- 
schichtliche ein. 

Eine Kodifikation in abgekürzter Gestalt erfährt die 
hagiographische Tradition des Orients in dem eigentüm- 
lichen Typus eines liturgischen Buches, welcher mit den 
griechischen Namen eines Menologions oder Syna- 
xarions bezeichnet wird und zur Verlesung beim Gottes- 
dienste bestimmte Lebensskizzen der jeweils gefeierten 
Heiligen für alle Tage des Jahres bietet. Von Vertretern 
dieses Bucht\^us ist hier vor allem das arabisch durch 
Mihä'il von Atripe bearbeitete Synaxar der koptischen 
Kirche zu nennen. Dasselbe ist in der Folgezeit auch bei 
den syrischen Jakobiten rezipiert und von ihnen in zwei 
Karäünitexten benützt worden, von welchen der eine 
lediglich eine Anpassimg des ägyptischen Werkes an den 
julianischen Kalender Syriens, der andere einen auch 
wieder um spezifisch s}Tisches Material bereicherten 
bloßen Auszug aus demselben darstellt. Gleichfalls in 
einem Karsünitext bietet daneben eine römische Hand- 
schrift vom Jahre 1666, ein ursprünglich wohl s}Tisch 
abgefaßt gewesenes Synaxar der Maroniten, und sogar 
in einer Mehrzahl von arabischen Rezensionen liegt das 
vielmehr aus dem Griechischen übertragene Menologion 
der Melkiten handschriftlich vor. 

4. Prof anwissenschaftliche Literatur. — In markantem 
Gegensatz zu dem durchaus volkstümlichen arabischen 
Schrifttum auf dem apokryphen und hagiographischen 
Gebiete steht die grmidlegende Beteiligung des christ- 
lichen Bevölkerungselementes an der profanwissenschaft- 
lichen arabischen Literatur des Kalifenreiches. Wesent- 
lich der Kulturwelt des Islams zugute gekommen, kann 
dieselbe in einem Überblick' über Geschichte und Be- 



20 Die christlich-arabische Literatur. 

stand der spezifisch christlichen Literaturen des Orients 
übrigens mit aller Kürze behandelt werden. 

Unter den im Dienste des Abbasidenhofes tätigen 
christlichen Gelehrten nimmt eine führende Stellung die 
persische Ärztefamilie der Bochtiso" ein, die von der 
ersten Hälfte des 8. bis in das 10. Jahrhundert hinein den 
Beherrschern des mohammedanischen Weltreiches eine 
Reihe mindestens teilweise auch literarisch hervorge- 
tretener Hofärzte gestellt hat. Dem zunächst an der 
Medizin haftenden vorwiegend praktischen Interesse der 
neuen arabischen Welt an griechischem Geisteserbe hat 
ein solches auch an den Geistesschätzen griechischer Phi- 
losophie sich seit der Regierungszeit des Kalifen al- 
Ma'mün an die Seite gestellt. Ihr gehört das schrift- 
stellerische Wirken eines Metropoliten 'Abhdiso' von 
Mossul, eines Jahjä ibn al-Batriq und eines 'Abd al- 
Masih ibn 'Abdallah Nä'ima aus Emesa an, dessen Name 
vor allem mit der Entstehung des arabischen Textes der 
,, Theologie des Aristoteles" (vgl. I, S. 75) verknüpft ist. 

Weiterhin heben sich ziemlich scharf zwei Gruppen 
von Gelehrten von einander ab, deren Lebensarbeit eine 
doppelte Blüte der christlichen Vermittlungstätigkeit 
zwischen griechischer und arabischer Kultur bezeichnet. 
Die ältere Gruppe scheint ausschließlich aus Nesto- 
rianern zu bestehen. In ihrem Mittelpunkte steht die 
noch mehr der arabischen als der syrischen Literatur- 
geschichte angehörende Gestalt des großen Himain ibn 
Ishaq (vgl. I, S. 50), als dessen Vorläufer der Perser 
Abu Zakarijä Jüliannä ibn Mäsoja (f 857) betrachtet 
werden kann, während die literarische Tätigkeit eines 
Sohnes Ishaq ibn Hunain (f 911), seines Neffen Hubais 
ibn al-A'sad und seines Schülers 'Isä ibn 'Ali die Er- 
gänzung seiner eigenen bildet. In diesen Kreis gehört 



Profanwissenschaftliche Literatur. 21 

ferner auch der gegen Ende des 9. Jahrhunderts nach 
Bagdad berufene Qustä ihn Lüqä aus Ba^albek, unter 
dessen Übersetzungsarbeiten das auf den syrischen Geo- 
ponika beruhende ,,Buch von der griechischen Land- 
\sartschaft" hervorgehoben sein mag. 

Es war bereits das Verdienst dieser Männer und ihrer 
Zeit, wenn neben Aristoteles und seinen Kommentaren, neben 
Hippokrates, Galenos und Dioskurides, deren Autorität die 
HeiUcunde beherrschte, auch Piaton, Astronomen wie Ari- 
starchos von Samos, Autolykos und Ptolemaios, Mathema- 
tiker wie Archimedes, Eukleides, Heron, Hypsikles und 
Theodosios der arabisch redenden Welt in Übersetzungen 
vertraut wurden, die großenteils noch heute erhalten, einen 
vielfach erst ungenügend benützten Schatz von Hilfsmitteln 
zur textkritischen Bearbeitung der griechischen Originale dar- 
stellen. Daneben haben namentlich Jühanna ihn Mäsoja 
und Hunain eine umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit 
fachwissenschaftlicher Natur in medizinischen Original- 
arbeiten entfaltet, von denen neben dem arabischen Urtexte 
oder als Ersatz desselben hebräische oder lateinische Über- 
setzungen auf uns gekommen sind. Hunain ist ferner der 
Verfasser einer gleichfalls neben dem Original in einer he- 
bräischen, sowie in einer spanischen Bearbeitung erhaltenen 
Sammlung von Perlen griechischer Spruchweisheit unter dem 
Titel eines „Buches der Kuriositäten der Philosophen und 
Weisen und der Lebensregeln der alten Lehrer", die als vor- 
bildliches Muster einer ganzen Gattung ähnhcher Spruch- 
bücher einen Einfluß bis weit in das christHche Abendland 
hinein ausgeübt hat, während die selbst nicht erhaltene „Ge- 
schichte der Ärzte" seines Sohnes Ishaq eine ähnliche bahn- 
brechende Bedeutung für die gelehrtengeschichtliche Lite- 
ratur der Araber gewann. Im Schöße der morgenländischen 
Christenheit selbst scheinen allerdings sogar derartige einem 
allgemeinen Interesse noch am ehesten begegnende Ar- 
beiten einen nennenswerten Leserkreis nicht oder doch weit 
weniger als auf mohammedanischer Seite gefunden zu haben. 
Die jüngere Gelehrtengruppe weist, abgesehen 
von dem an ihrer Spitze stehenden Nestorianer Abu 
Basr Mattä ibn Jaunän (f 941), ein Vorwiegen des j ako- 



22 Die christlich-arabische Literatur. 

bitischen Bekenntnisses auf, das seine glänzendste Ver- 
tretung auf dem Gebiete profaner Gelehrsamkeit durch 
Abu Zakarijä Jahjä ibn 'Adi (t 974) und Abu 'Adi 'Isä 
ibn Ishaq ibn Zur'a (f 1008) gefunden hat. 

^lit einer Ergänzung und Nachbesserung des von der 
Übersetzungstätigkeit der Vorgänger speziell für die philo- 
sophische Literatur Geleisteten geht bei diesen Vertretern 
einer neuen Epoche eine selbständige schriftstellerische Be- 
tätigung vornehmlich in Kommentaren zu den Werken der 
großen griechischen Denker Hand in Hand. Medizinisches, 
NaturwissenschaftUches und Mathematisches scheint nun- 
mehr bereits vöUig der mohammedanischen Gelehrtenwelt 
überlassen zu sein. Dafür besinnen sich die christhchen Ver- 
treter profanwissenschaftlicher Studien im Laufe des 9. Jahr- 
hunderts mehr, als dies die vorangehenden Generationen 
getan hatten, auch als Schriftsteller auf ihren Christenglauben. 
Der philosophierende Theologe tritt an die Stehe des philo- 
sophierenden Arztes. 

Die ägyptische Christenheit ist von der ganzen, 
wesenhaft auf Mesopotamien beschränkten geistigen Be- 
wegung dieser Jahrhunderte des Übergangs griechischer 
Profanwissenschaft zu den Arabern nicht berührt 
worden. Was in ihrem Schöße an Arbeiten profaner Ge- 
lehrsamkeit in arabischer Sprache entstand, beschränkte 
sich auf grammatisch - lexikographische Hilfsmittel zum 
Verständnis des Koptischen, wie sie sich u. a. von einem 
Bischof Jühannä as-Sammannüdi und von al-Mu'tamin 
Abu Ishaq ibn al-'Assäl erhalten haben. Dagegen hat in 
Syrien noch in später Zeit beispielsweise Bar 'Ebhräjä 
eine Eeihe arabischer Schriften über Medizinisches ver- 
faßt. Doch scheint sich von denselben nichts gerettet 
zu haben, während die erhaltenen philologischen Arbeiten 
Farhäts bereits der Zeit angehören, in welcher die Glau- 
bensgenossen des maronitischen Kirchenfürsten ange- 
fangen hatten, in ihrem gesamten höheren Geistesleben 
dem Einfluß vordereuropäischer Kultur zu unterstehen. 



Theologie. 23 

5. Theologie. — Auch die im engeren Sinne des 
Wortes theologische Literatur der verschiedenen christ- 
üchen Bekenntnisse in arabischer Sprache weist zunächst 
eine ausgedehnte Schicht von Übersetzungen auf. 
Von den hervorragenden griechischen Theologen des 4. 
und 5. Jahrhunderts sahen namenthch Athanasios, Chry- 
sostomos, die drei großen Kappadokier, Epiphanios, 
Euagrios der Pontier und KjtüIos von Alexandreia we- 
nigstens einen Teil ihres Nachlasses auch ins Arabische 
übertragen. Noch bedeutend jüngere Denkmäler theo- 
logischen Schrifttums wurden aber aus dem Griechischen 
im melkitischen Lager übersetzt, während eine entspre- 
chende Übersetzungstätigkeit aus dem SjTischen und 
Koptischen im Schöße der beiden großen monophy- 
sitischen Nationalkirchen Syriens und Ägyptens gepflegt 
ward 

Bis in eine offenbar sehr frühe Zeit reicht beispielsweise 
die Übersetzung der vermischten asketischen Abhandlungen 
{Aiöaoy.a/.iai ifv/ccKpe/.sTg diaq^ooui) eines palästinensischen 
Klosteroberen Dorotheos hinauf. Um die Übertragung der 
Werke zweier grundlegender Meister der byzantinischen Schul- 
theologie, des hl. Maximos des Bekenners (f 662) und des hl. 
Johannes von Damaskus (| vor 754), hat sich Abü-1-Fath "^ Ab- 
dallah ibn al-Fa(.ll maßgebHche Verdienste erworben. Ein 
der Bibel und Väterlehre entnommenes Kompendium aske- 
tischer Lebensweisheit {Uaröey-x)]; t/],- äyiag yoarf}];), das ums 
Jahr 620 ein Antiochos, Mönch des Sabasklosters, für eine 
Kommunität aus ihrem Heime durch Kriegswirren vertrie- 
bener Mönche verfaßt hatte, %vurde nicht nur übersetzt, 
sondern die melkitische Übersetzung wurde auch zum Ge- 
brauche jakobitischer Kreise bearbeitet. Nicht geringerer 
Beliebtheit scheinen sich die „Leiter" des Johannes Klimakos 
(t um 600) und die asketischen Schriften eines Mönches Nikon 
erfreut zu haben, deren eine (/ZanV'^;^?-?;- kTjv iginp-ftcdv xwv dEuor 
svxo).c7iv TovKvoiov) nach dem Vorbilde der Arbeit des Antiochos 
zur Zeit des byzantinischen Kaisers Konstantinos X. Dukas 
(1059 — 1062) verfaßt worden war. Von älteren syrischen 



24: Die christlich-arabische Literatur. 

Theologen sind Aphrem, Johannän Säbhä, dessen Name dabei 
hinter der ehrenden Bezeichnung des „geistHchcn Alten" 
(ag-Saih ar-Rühäni) in Vergessenheit geriet, Ja^qübh von 
Serügh und Ishaq von Ninive der arabisch redenden Christen- 
heit in der Umgangssprache vertraut geworden, und auch die 
Hauptwerke bedeutender jakobitischer Theologen späterer 
Zeit, wie Mose bar Kephä, Dionysos bar Salibhi und Bar 
"Ebhräjä, sind aus dem Syrischen übersetzt worden. Auf ägjrp- 
tischen Boden wurden ins Arabische wenigstens teilweise die 
Schriften Senutes übertragen, und auch eine Sammlung unter 
dem Namen Sem'ons des Styhten arabisch überHeferter Ab- 
handlungen asketischen Inhalts soll unmittelbar auf eine kop- 
tische Vorlage zurückgehen. 

Die theologische Originalliteratur apologe- 
tisch-polemischer Richtung, deren Entwicklung 
durch die Teilnahme christlicher Kreise an der Begrün- 
dung der arabischen Profanwissenschaft ihre entschei- 
dende Förderung erfuhr, wird um die Wende vom 8. zum 
9. Jahrhundert durch eine Reihe von Schriften des melld- 
tischen Bischofs Theodoros, genannt Abu Qurra, von 
Harrän eröffnet. Neben seiner Verteidigungsschrift für 
die Bilderverehrung und einer Sammlimg weiterer Ab- 
handlungen dieses ältesten Schriftstellers ist vorläufig 
eine der zahlreichen theologischen Arbeiten des Kopten 
Severus von Asmunain, das nach seinem Hauptinhalte, 
einer Darstellung der Geschichte der vier ersten allge- 
meinen Ejrchenversammlungen und ihrer Lehre, so be- 
titelte ,,Buch der Konzilien" (Kitäb al-Magämi') das 
einzige, was aus den vor dem Zeitalter der Kreuzzüge 
liegenden Jahrhunderten an Denkmälern dieses Schrift- 
tums durch den Druck allgemein zugänghch gemacht 
wurde. Dem ausgehenden 13. und beginnenden 14. Jahr- 
hundert gehört alsdann die wesentlich apologetisch und 
antihaeresianisch gerichtete Schriftstellerei eines melki- 
tischen Bischofs von Sidon, des Antiocheners Baulus 



Theologie. 25 

ar-Rähib, an, die durch eine Reihe von Textpublikationen 
besonders greifbar geworden ist, und sogar erst ein Patri- 
arch Null, der um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert 
an der Spitze der jakobitischen Kirche stand, scheint 
der Verfasser einer anonym überlieferten polemischen 
Schrift „vom Glauben der Syrer" gewesen zu sein, deren 
erste Hälfte wenigstens in einer guten Ausgabe vorliegt. 

Es sind, abgesehen von dem literarischen Nachlasse Abu 
Qurras, der im Sabasklost^r noch Schüler des hl. Johannes 
von Damaskus gewesen, aber bis in die Zeit al-Ma'müns hinein 
gelebt zu haben scheint, gerade nicht die hervorragendsten 
Erscheinungen dieser Literaturschicht, mit denen wir so näher 
bekannt werden. Die Hauptvertreter christhcher Apologetik 
und konfessioneller Polemik in vorfränkischer Zeit sind auf 
jakobitischer Seite Jahjä ibn ^Adi und Ibn Zur'a, auf nesto- 
rianischer nach dem Vorgange eines Kyriakos Abü-1-Farag 
ibn at-Tajjib und Elias bar Sinaja gewesen. Späterhin hat 
besonders vom koptischen Standpunkte aus ein Bischof 
Butrus von Malig in einem „Buche der Sekten" (Kitäb al- 
Firaq) an den angebhchen „Neuerungen" der Melkiten, 
Franken, Armenier und Syrer Kritik geübt. 

Noch weniger als mit der religiös polemiscben sind 
wir bislang mit derjenigen Schriftstellerei arabisch schrei- 
bender Christen vertraut, in welcher die systematische 
Richtung arabischer Profanwissenschaft und mo- 
hammedanischer Theologie ihren Einfluß zunächst auf 
verschiedenen einzelnen Hauptgebieten theologischer Ge- 
lehrsamkeit bekundete. Und doch haben neben dem- 
jenigen der Exegese namentlich die Gebiete der Dogma- 
tik und der asketischen Moral einen zweifellos bedeut- 
samen Anbau in diesem Geiste erfahren. Nur teilweise 
sind schließlich auch einige der enzyklopädischen Ge- 
samtbearbeitungen der Theologie näher bekannt gemacht 
worden, welche, den Abschluß der christlich-theologi- 
schen Literaturentwicklung in arabischer Sprache bildend, 



26 Die christlich-arabische Literatur. 

Glaubens- und Sittenlehre, den Gottesdienst und die Dis- 
ziplin, ja sogar die Geschichte der Kirche des jeweiligen 
Verfassers unter einem einheitlichen Gesichtspunkte zu 
behandeln unternahmen. Den frühesten Versuch in dieser 
Richtung hat im 12. Jahrhundert der Xestorianer Mari 
ibn Sulaimän in seinem ,, Turmbuche" (Kitäb-al-Migdal) 
gemacht, das ein Lehrsystem der Gesamttheologie in 
dem gedachten Sinne unter dem Bilde der Aufführung 
eines Bauwerkes entwirft. Zwei voneinander nicht unab- 
hängige Neubearbeitungen des bahnbrechenden Werkes 
haben im 1-i. Jahrhundert ein 'Amr ibn Mattä aus Tirhän 
und ein Selibhä ibn Jühannä geliefert. Neben diesen drei 
Redaktionen einer theologischen Enzyklopädie der Ne- 
storianer, die eine solche ihren kirchengeschichtlichen Ab- 
schnitten zu verdanken haben, hat vorerst eine gewisse 
Aufmerksamkeit bereits das eine von zwei sich ergän- 
zenden enzyklopädischen Hauptwerken des Kopten 
Abü-1-Barakät gefunden, das ,,Buch der Lampe der 
Finsternis" (Kitäb-misbäh at-tulma), das einer ein- 
gehenden Behandlung des rituellen Lebens der koptischen 
Ejrche neben Abschnitten über Irrlehren, Apostel- 
legenden, die kirchlichen Kanones und Synoden, die 
Schriften des Alten und Neuen Testaments u. a. auch 
den berührten Überblick über die christHch - arabische 
Literatur vorausschickt. 

Die Exegese haben in arabischer Sprache besonders 
Abü-1-Farag ibn at-Tajjib in einem Gesamtkommentar zu 
beiden Testamenten, einer ausführlicheren Erklärung der 
Evangelien und einer solchen des Psalters und Abü-1-Fath 
'Abdallah ibn al-Fadl durch Kommentierung der neutesta- 
menthchen Perikopen des melkitischen Ritus gefördert. 
Wegen der in ihnen enthaltenen Zitate frühchristhcher Lite- 
ratur verdienen ferner zwei sog. Kettenkommentare zum 
Pentateuch und zur Geheimen Offenbarung Erwähnung. Eine 
den letzteren verwandte Erscheinung ist auf dem Gebiete der 



Christliches Recht. 27 

Dogmatik das „Buch des Bekenntnisses der Väter" 
(Kitäb I'tiräf al-Aba') eines Baulus ibn Raga, eine sog. dog- 
matischp Katene größten Stiles, deren zugunsten der mono- 
physitischen Glaubenslehre ins Feld geführte Autoritäten- 
reihe mit dem koptischen Patriarchen Christodulos (1047 
bis 1077) abschließt. Schon bevor dieses Werk, wohl zweifel- 
los auf ägyptischem Boden, entstand, hatten auf syrischem 
ein Jakobite des 10. Jahrhunderts, Abu Xa?r Jahja ibn Hariz, 
und der nestorianische Patriarch Elias I. (vgl. I, S. 79) um- 
fangreiche systematische Gesamtdarstellungen der Dogmatik 
ihrer Konfessionen geschaffen. In späterer Zeit haben mit 
entsprechenden Werken dann auch die koptische Kirche ^li- 
hä'il von Damiette, Abu Isliaq ibn al-^Assäl und Abu Öakir 
beschenkt. Auf dem Felde der asketischen Lite- 
ratur gibt der systematische Zug ihr Gepräge dem „Wiese 
des Einsamen und Trost des Einsiedlers" betitelten und in 
gereimter Prosa abgefaßten Buche eines Sim^än ibn Maqära, 
genannt Ibn Kulail, dem bald Ehas bar Sinäjä, bald Bar 
'Ebhräjä zugeschriebenen „Buche von den Hilfsmitteln zur 
Vertreibung der Traurigkeit" und einem in die Form von 
Gesprächen zwischen einem Lehrer geistlichen Lebens und 
seinem Schüler gekleideten Werke über Buße und Beichte, an 
dessen Entstehung der koptische Patriarch Kyrillos ibn Laqlaq 
beteiligt gewesen sein soll. Die Ergänzung zu Abü-1-Barakäts 
„Lampe der Finsternis" bildet sein „Buch der Erleuchtung 
der Geister", das in zwei Teilen die ,, Grundlagen des Glaubens" 
und die „Grundlagen der Gebote des christlichen Gesetzes", 
Dogma und Moral, behandelt. Ein noch späterer Kopte, 
Jahjä ibn Abi Zakarijä, genannt Ibn Sabbäg, hat in seinem 
,, Buche der kostbaren Perle über die kirclilichen Wissen- 
schaften" die jüngste arabische Summa der christHchen Theo- 
logie dem Doppelwerke seines Vorgängers folgen lassen. 

6. Christliches Recht. — Eine überragende Stellung 
nimmt im Gesamtrahmen des christlich-arabischen 
Schrifttums die Rechtsliteratur ein. Ein durch die Ver- 
hältnisse gegebenes praktisches Bedürfnis berührte sich 
hier mit einer allgemeinen geistigen Richtung, die religiös 
begründetes „Recht" als die eigentlich führende Geistes- 
macht auch auf dem Boden der mohammedanischen 



28 I^ie christlich- arabische Literatur. 

Kultur erscheinen läßt. Indem der staatliche Organismus 
des Kalifenreiches, die gesamte bürgerliche Recht- 
sprechung über Nichtmohammedaner deren geistlicher 
Obrigkeit überlassend, die einzelne christliche Konfession 
zur ,, Nation" (Milla) auch in poKtischem Sinne stem- 
pelte, bot er die Grundlage für eine derjenigen des isla- 
mdschen ebenbürtige Entwicklung des christlichen Eechts 
und juristischen Schrifttums. Für die Seelenhirten der 
verschiedenen christhchen Barchen mußte das von ihnen 
zu handhabende Earchenrecht, das zugleich die profanen 
Rechtsverhältnisse ihrer Herden normierte, eine selbst 
der konfessionellen Glaubenslehre mindestens gleich- 
wertige Bedeutung erlangen. 

Eine umfassende Ubersetzungsliteratur auf 
Grund koptischer, syrischer, vereinzelt wohl auch un- 
mittelbar griechischer Vorlagen besitzt auch hier wieder 
fundamentalen Wert und hat arabische Texte fast aller 
Denkmäler des Kirchen- und oströmischen Kaiserrechtes 
geschaffen, die als Erbe frühchristlicher Zeit in der kop- 
tischen, in den verschiedenen syrischen Nationalkirchen 
und bei den Melkiten Syriens und Ägyptens sich eines An- 
sehens erfreuten (vgl. I, S. 81 fi., 116f., 119). Einzelne 
keineswegs belanglose Stücke älteren kirchenrechtlichen 
Schrifttums sind nur durch diese arabische Übersetzungs- 
literatur erhalten worden. Es gilt dies vor allem von den 
„Kanones des Hipplytos (oder Julius?)", welche sich als 
eine Überarbeitung der sogen. Äg}'ptischen Kirchenord- 
nung erweisen, einer noch ausführlicheren sich als ,, Ka- 
nones des Basileios" gebenden Kirchenordnung und einer 
Sammlung alttestamentlicher Rechtssatzungen, die nach 
dem Urteile der Kirche Ägyptens noch für die Bekenner 
des Christentums Giltigkeit behaupten. In anderen 
Fällen hat die arabische Textesüberlieferung eine nicht 



Christliches Recht. 29 

zu unterschätzende Bedeutung wenigstens als Ergänzung 
der koptischen, syrischen und griechischen bzw. als 
Grundlage der äthiopischen. Eine kleine Schrift, die sich 
als ,,Kanones des Klemens" auf Grund einer diesem vom 
Apostelfürsten Petrus gewordenen Belehrung einführt, 
ist vielleicht ein original-arabischer jüngster Schößling 
der pseudo-apostolischen RechtsUteratur. 

Nach dem Vorbilde des syrischen ist ein größeres auf 
Klemens als Redaktor zurückgeführtes pseudo-apostolisches 
Rechtswerk in acht Büchern auf ägjrptischem Boden auch in 
arabischer Sprache zusammengestellt worden, wobei ein dem 
syrischen nächstverwandter Text des „Testaments unseres 
Herrn" und die koptischen „Kirchlichen Kanones der Apostel" 
den Stoff lieferten. Die letzteren und eine stark abweichende 
spezifisch ägyptische Rezension des „Testaments" sind da- 
neben auch selbständig arabisch überhefert. Eine arabische 
„Didaskalia" (ad-dasqalija) der Apostel" ist in ihrer Ur- 
gesta-lt eine getreue Wiedergabe der Bücher I — VII der giie- 
chischen „Apostolischen Konstitutionen", hat aber in einer 
Mehrzahl sekundärer Redaktionen eine verschiedenartige 
Umgestaltung, Kürzung und Erweiterung durch Aufnahme 
einzelner Abschnitte des „Testamentes" erfahren. Die sy- 
rischen zwei Apostelkonzile der Nestorianer kehren auf ara- 
bischem Boden als „Traditionen der Apostel" wieder. Die 
Reihe der als KirchenrechtsqueUen anerkannten Konzils- 
kanones umfaßt in der arabischen Überlieferung im Bereiche 
melkitischen Einflusses über die syrische hinaus noch die- 
jenigen der fünften und siebenten allgemeinen Kirchen- 
versammlung zu Konstantinopel (553) und Nikaia (787) bzw. 
des konstantinopolitanischen Concilium Quinisextum vom 
Jahre 692. Das Kaiserrecht liegt in derselben in verschiedenen 
Redaktionen vor, von welchen eine solche in vier Büchern, 
die als zweites Buch eine Übersetzung der ältesten Rezen- 
sion des syrisch-römischen Rechtsbuches bietet, die ver- 
breitetste gewesen zu sein scheint. Vollständig haben sich 
endlich in einem arabischen Text die wichtigen ,, Kanones des 
Athanasios" erhalten, von denen koptisch nur Bruchstücke 
übrig sind. 

Von den arabisch abgefaßten Idrchenrechtlichen Be- 



30 Die christlich-arabische Literatur. 

Stimmungen einiger koptischer Patriarchen des 11. bis 
13. Jahrhunderts abgesehen, weist die arabische Literatur 
des christlichen Eechts wesentlich zwei verschiedene 
Typen einer zusammenfassenden Kodifikation dieses 
weitschichtigen Quellenmateriales auf. Das einfachste 
war es, in groß angelegten Sammlungen den Text der 
Dokumente im Zusammenhang, sei es vollständig, sei es 
allenfalls mit mehr oder weniger starken Kürzungen, zu 
bieten. Von den nicht wenigen handschriftlich über- 
lieferten arabischen Kanonessammlungen ersterer 
Art sind namenthch diejenigen eines im Jahre 1378 ge- 
weihten melkitischen Priesters Joseph und eines 
wohl noch etwas älteren Kopten Maqära (Makarios) 
hervorzuheben. Auf nestorianischer Seite hat Elias al- 
Gauhari, \äelleicht ein im Jahre 893 zu dieser Würde 
erhobener Metropolit von Damaskus, eine entsprechende 
Arbeit geschaffen, die unter Wahrung des Wortlautes der 
Quellen dieselben nur in einer inhaltlichen Auswahl 
aufnahm, Abü-1-Farag 'Abdallah ibn at-1ajjib in seinem 
„Rechte der Christenheit" dagegen sie inhaltHch voll- 
ständig, aber mit formaler Kürzung wiedergegeben. 
Eine literarisch ungleich höher stehende Leistung be- 
zeichnete allen diesen Kanonessammlungen gegenüber 
sodann aber der T^-pus des systematisch geordneten 
eigentlichen Xomokanons, der die jeweiligen Be- 
stimmungen der einzelnen Kirchenrechts quellen, aus 
ihrem ursprüngUchen Zusammenhange gelöst, an der 
ihnen sachUch zukommenden Stelle einem übersicht- 
lichen Lehrgebäude des kirchlichen und ■ kirchlich- 
bürgerhchen Rechtes einverleibt. Derselbe wird nament- 
hch durch die Werke der drei Kopten Mihä'il von Malig, 
Mihä'il von Damiette und as-Safi Abü-1-Fadä'il ibn 
al-'Assäl, sowie durch die arabische Übersetzung ver- 



Geschichtschreibung und Ortskunde. 31 

treten, welche ein jüngerer Bischof Thomas von dem um 
die Mitte des 11. Jahrhunderts ursprünglich syrisch ab- 
gefaßten Nomokanon des maronitischen Erzbischofs 
David hergestellt hat. Unentschieden muß es bleiben, 
welchen der beiden Typen wir für das im Jahre 1020 
vollendete kirchenrechtliche Werk eines Abu gulh zu 
unterstellen haben, von welchem nur die Einleitung in 
spätere Sammelwerke übergegangen ist. 

7. Geschichtschreibung und Ortskunde. — Mit den 
auf dem Gebiete der mohammedanischen zu beobach- 
tenden Verhältnissen berührt sich die christlich-arabische 
Literatur auch in einer eifrigen Pflege der Geschicht- 
schreibung, die sich fast durchweg wenigstens sehr 
umfassende Aufgaben stellt. 

In Ägypten eröffnet der Begründer eines christlich- 
arabischen Schrifttums, Sa'id ibn al-Batriq, sofort auch 
die Reihe christlicher Darsteller der Weltgeschichte 
in arabischer Sprache. In einem die ,, Perlenschnur" 
betitelten Werke hat er eine in Geist und Stil der 
byzantinischen Chronogaphie angelegte Profangeschichte 
bis zum Jahre 938 hinterlassen, welche ein Jahrhundert 
später einen Fortsetzer an dem Antiochener Jahjä ibn 
Sa'id fand. Erst im 13. Jahrhundert haben dem Beispiele 
dieser Melkiten zwei Söhne der koptischen Kirche nach- 
geahmt: Abu SakrButrus ibn-ar-Rähib, dessen ziemlich 
dürre Weltchronik bis zum Jahre 1259 reicht, und Girgis 
(Georgios) ibn al-'Amid, genannt al-Makin (f 1273), 
dessen umfangreichere Arbeit in zwei Teilen die vor- 
islamische und die Geschichte der vorderorientahschen 
Welt von der mohammedanischen Eroberung bis zum 
Jahre 1260 behandelt. Eine koptische Kirchengeschichte 
hatte dagegen ungleich früher vor allem Severus von 
Asmünain in seinem bis auf den Patriarchen Philotheos 



32 Die christlich-arabische Literatur. 

(976 — 1000) führenden Werke geschaffen, das späterhin 
durch eine ältere bis ins 12. Jahrhundert und eine 
jüngere sogar bis zum Jahre 1740 herabführende Fort- 
setzung erweitert wurde, während eine im Jahre 1188 be- 
gonnnene an wertvollen Angaben reiche Geschichte der 
Klöster und Gotteshäuser des christlichen Ägypten einen 
ägyptischen Monophysiten armenischer Abkunft Abu 
Salah Sadid ibn Bänä zum Verfasser hat. 

Eine arabische Darstellung der koptischen Patriarchen- 
geschichte ist erstmals nicht von Severus, sondern anscheinend 
bereits gegen Ende des 8. Jahrhunderts unternommen worden, 
da eine anonym überUeferte Parallelerscheinung zu seinem 
Werke, die demselben als Quelle gedient haben dürfte, mit 
dem Jahi-e 767 abbricht. 

In Syrien hat das Arabische in einem christlichen 
Geschichtswerke als erster um die Mitte des 10. Jahr- 
hunderts ein gewisser Malibüb (Agapios) aus Manbig- 
Hierapolis gebraucht, der Verfasser einer vor allem den 
kirchengeschichtlichen Stoff berücksichtigenden Welt- 
geschichte von Christi Geburt bis auf seine eigene Zeit. 
Elias bar Sinäjä scheint sein Geschichtswerk (vgl. I, S. 97) 
gleichfalls selbst arabisch abgefaßt und einer fremden 
Hand die Herstellung des syrischen Textes desselben 
überlassen zu haben, welche den arabischen begleitet. Von 
demjenigen des jakobi tischen Patriarchen Mikhä'el I. 
ist wenigstens eine arabische Übersetzung frühzeitig 
veranstaltet worden. Neben den kirchengeschichthchen 
Partien der verschiedenen Redaktionen des „Turm- 
buches" wird weiterhin die wahrscheinlich im 13. Jahr- 
hundert abgefaßte nestorianische Welt- und Kirchen- 
geschichte eines unbekannten Verfassers eine hervor- 
ragende Bedeutung gewinnen, die erst neuerdings vor 
allem durch eine Handschrift zu Seert in Kurdistan be- 
kannt wurde. Das an literarischem Werte wohl ver- 



Geschichtschreibung und Ortskunde. 33 

hältnismäßig am höchsten stehende arabische Geschichts- 
werk von christlicher Hand ist endlich die ,, Geschichte 
der D\Tiastien" Bar Ebhräjäs, eine um manches neue, 
besonders die Geschichte der Wissenschaften betreffende 
Material bereicherte Bearbeitung seiner syrischen Welt- 
geschichte, mit welcher der christliche Kirchenfürst sich 
vor allem an mohammedanische Leser wenden wollte, 
und auch noch nach dem Tode des großen Maphrejäns 
hat auf syrischem Boden ein Interesse für geschichtliche 
Dinge in christlich-arabischen Elreisen sich mehrfach 
geregt. So verfaßte im 17. Jahrhundert der maroni- 
tische Patriarch Istafän ad-Duaihi al-Ihdini eine Ge- 
schichte seiner Sonderkirche, welche den Nachweis ihrer 
angeblich ,, immerwährenden" katholischen ,, Recht- 
gläubigkeit" verfolgt, während der melkitische Patriarch 
Maqära (Makarios) az-Zaim von Antiocheia auf einer 
in den Jahren 1652 — 59 unternommenen Reise nach Ruß- 
land eine Fülle historischen Tatsachenmaterials sich ein- 
geprägt und hinterher in einem Sammelwerke niedergelegt 
hat. Namentlich die von letzterem über das von ihm 
durchreiste Georgien, dessen älteste Kirchengeschichte 
und damaligen geistigen Tiefstand gemachten Aufzeich- 
nungen bieten ein nicht geringes Interesse. 

Auf das Gebiet der Geographie führt von hier die 
Reisebeschreibung hinüber, die ein Verwandter Ma- 
qäras, sein Archidiakon imd Begleiter Baulus von Aleppo, 
jener Rußlandsfahrt des antiochenischen Patriarchen 
gewidmet hat. Auch sie ist um so interessanter, weil im 
übrigen die bei den Mohammedanern so stark hervor- 
tretende Vorhebe für Geographisches den arabisch re- 
denden Christen so gut als völlig zu fehlen scheint. Zwar 
hat die Wallfahrtsbewegung nach Palästina imd dem 
Sinai einige Pilgerschriften gezeitigt, die man hierher zu 

Baumstark, Christi. Literatur. 11. 3 



34 Die christlich- arabische Literatur. 

ziehen geneigt sein könnte. Doch erweist sich beispiels- 
halber eine in diesen Kjreis gehörende Palästinabeschrei- 
bung spätestens des 16. Jahrhunderts als den arabischen 
Text eines auch in vulgärem Griechisch erhaltenen Wall- 
fahrtsführers gewöhnlichster Sorte, und nicht höher steht 
eine Serie fabelhafter Beschreibungen der Städte Rom, 
Konstantinopel, Antiocheia und Alexandreia, die mit 
derselben in der handschaftlichen Überlieferung ver- 
bunden zu sein pflegt. 

8. Poesie. — Was schließlich die christHch-arabische 
Dichtung anlangt, so muß der Begriff derselben erheb- 
lich enger und vorsichtiger gefaßt werden, als es ge- 
legentlich geschehen ist. Wie bereits zu bemerken war, 
trug insbesondere, was an Texten vorislamischer Be- 
duinenpoesie von christlichen Verfassern herrührt«, 
keineswegs deshalb auch irgend einen spezifisch christ- 
lichen Charakter. Die einzige Ausnahme haben hier 
vielleicht die biblischen Stoffen gewidmeten Gedichte 
eines judenchristlichen Zeitgenossen Mohammeds, des 
Umaija ibn Abi-s-Salt, gemacht, die in neuerer Zeit als 
eine Quelle des Korans angesprochen wurden. 

Als die hervorragendsten Vertreter des christlichen Ele- 
ments im Kreise der altarabischen Dichter werden von der 
Überlieferung 'Adi ibn Zaid und Abu Duäd namhaft gemacht, 
von denen der erstere als Meister namentlich des Trinkliedes 
einen nicht geringen Ruhm genoß. Auch einer der von der 
Folgezeit als klassisch gewerteten alten Poeten, al-A''?a, soll 
persönlich sich zum Christentum bekannt haben. Andere, 
wie an-Näbigha, Zuhair und der zuletzt zum Islam übergetretene 
Labid haben dasselbe mindestens gekannt und seinen Einfluß 
auf ihre Geistesart erfahren. 

Im Zeitalter der Omaj jaden hat alsdann al- Achtal, 
der mit unübertroffener Meisterschaft die Waffe beißen- 
der Spottdichtung handhabte, allen Versuchungen, den 
christlichen Glauben seiner Jugend mit dem Islam zu 



Poesie. 35 

Tertanflchen, standgehalten, aber aach sein dichterisches 
Schaffen ist weit davon entfernt, büligerweise dem 
innerlich chmtüchen Schrüttnm zugezählt werden zn 
können, nnd ein Gleiches gilt von gelegentlich ange- 
fohiten Versal, in denen die chrütlichen Vertreter der 
gnechisch-arahischen Übersetzungsliteratiir und ara- 
bischen Profanwissenschaft anch mit den Keimkünsten 
mohanunedanischer Gelehrtenkreise zu wetteifern be- 
liebten. Späterhin haben allerdings Christen wohl auch 
zom Ansdmck der christlich -reKgiöscn Gedankenwelt 
die von der vorislamischen Zeit ererbten und in der mo- 
hammedanischen Literatur weitergebildeten Kunstfor- 
men aralxscher Poesie benutzt. Insbesondere hat dem 
Preise der Mnttergpttes auch manches arabische Lied 
gegolten. So hat beis^elshalber ein unbekannter christ- 
lich-arabischer Dichter offenbar recht später Zeit und 
wrfil jakobttischen oder marcmitischen Bekenntnisses. 
über dessen nicht nnbedeotenden Nachlaß wir vor einigen 
Jahren orientiert worden, das Thema der Marienver- 
ehnmg mit Nachdruck behandelt. NochGermanosFarhät 
hat mit tiieologischen nnd philolc^chen Arbeiten in 
Prosa die Pflege geistlicher Dichtung verbunden. Allein 
überaD handelt es sich hier doch um ein aus dem allge- 
meinen Eahmen christlich-orientalischer Literatuxent- 
wickhmg heranslidlendes S«;hanlehneii an formal vor- 
bildliche Muster der khuwi riatischen gemeinarabischen 
Dichtung mohammedanischer Autoren. Ein selbstän- 
diges Eigmleben Uieb der inhaltfich wesenhaft christ- 
lichen Poesie in arabischer Sprache vor allem deshalb 
veisagt, weil ihr der natürliche Wurzel boden einer 
eigoitnmlichen arabischen Liturgie fehlte, da alles, was 
an arabiflichen Texten von Melkiten, Kopten. Jakobiten 
nnd Maioniten späterer Zeit bei der Feier des Gottes- 

3* 



36 Die äthiopische Literatur. 

dienstes benützt wird, sich auf Übersetzungen aus dem 
Griechischen, Koptischen und Syrischen beschränkt, 
denen jeder literarische Eigenwert abgeht. 

B. Die äthiopische Literatur. 

Mit dem Xamen des äthiopischen pflegt man das 
christliche Schrifttum Abessiniens zu bezeichnen. Die 
hauptsächliche Sprache dieses Schrifttums ist das Ge'ez, 
ein demjenigen der südarabischen (himj arischen ; sabä- 
ischen) Inschriften nächstverwandter Dialekt, dem über 
das Eote Meer eingewanderte semitische Eroberer schon 
im Laufe der letzten vorchristhchen Jahrhunderte auch 
bei der älteren hamitischen Bevölkerung des Landes 
Eingang verschafft hatten. Als Idiom der Kirche und 
ihrer Liturgie ist das Ge'ez die herrschende Literatur- 
sprache Abessiniens geblieben, auch nachdem es längst 
aufgehört hatte, im Volksmunde lebendig zu sein. Doch 
haben neben ihm imLaufe der Zeit eine gewisse Bedeutung 
auch das im Süden des Landes heimische und stark mit 
nichtsemitischen Elementen durchsetzte Amharische 
und die der alten Sprache noch näher stehenden Mund- 
arten des Tigre und des Tigrai oder Tigrina ge- 
wonnen. Eine eifrigere wissenschaftliche Beschäftigung 
auch mit der äthiopischen Literatur ist erst so jungen 
Datums, daß, wie bei der christhch-arabischen, selbst 
eine durchaus skizzenhafte Beleuchtung ihres Bestandes 
nicht umhin kann, in ausgedehntem Maße noch un- 
gedruckte Schichten derselben zu berücksichtigen. 

Neben der christhchen steht eine allerdings ungleich 
weniger umfangreiche jüdische Literatur in der Ge'ezsprache. 
Eine Sammlung von Schiiften derselben führt nach dem sie 
eröffnenden Stücke den Titel von „Vorschriften des Sabbats" 
(Te'ezäza Sanbat), der hier als eine weibliche Gestalt aus 



Die geschichtliche Entwicklung. 37 

überirdischer Welt personifiziert ist. Wohl noch älter als 
das abessinische Christentum, erscheint das abessinische Juden- 
tum in diesen Literaturdenkmälern bis zu einem gewissen 
Grade als eine geistige Dependance des ersteren. Umgekehrt 
hat aber auch dieses einen kaum hoch genug anzuschlagenden 
jüdischen Einfluß erfaliren, von dem nicht zuletzt die in 
w^eitem Umfang auch die Literatur späterer Zeit beherrschende 
Fiktion von einer Fortsetzung des altisraelitischen Königtums 
Salomons durch das äthiopische Zeugnis ablegt. 

1. Die geschichtliche Entwicklung. — Gleich den An- 
fängen gehört eine kaum unbedeutende erste Blüte der 
christlich-abessinischen Literatur schon der Zeit des 
alten aksumitischen Reiches, den nächsten Jahr- 
hunderten nacli der Begründung der äthiopischen Kirche 
an. Übersetzungen aus dem Griechischen, vielleicht auch 
solche aus dem Syrischen, sind damals an der Tages- 
ordnung gewesen. Nur auf dem Gebiete Uturgischer 
Dichtung mag frühzeitig ein originales Schaffen in der 
Landessprache eingesetzt haben. Ein Tiefstand lite- 
rarischen Lebens, dem erst der Sturz der Zäguedynastie 
ein Ende machte, scheint auf die klassische Periode alt- 
äthiopischen Schrifttums gefolgt zu sein. 

Im Zeitalter Jeküno Amläks, des Begründers 
der neuen ,, salomonischen" Dynastie (1270 — 1285), voll- 
zog sich die gänzliche Neuorientierung des äthiopischen 
Schrifttums, vermöge deren dasselbe in die fast voll- 
ständige Abhängigkeit von der christlich-arabischen Li- 
teratur der späteren koptischen Kirche trat. Das Wirken 
eines Metropoliten Salämä, der in der ersten Hälfte des 
14. Jahrhunderts von dem koptischen Patriarchen dem 
abessinischen Missionsgebiete zum Oberbischof gegeben 
wurde, hat für die Uterarische Entwicklung innerhalb der 
neuen Bahnen eine grundlegende Bedeutung gewonnen. 
Einen ersten Höhepunkt dieser Entwicklung bezeichnet 



38 Die äthiopische Literatur. 

die Zeit des Königs Zar'a Jä'qob (1434 — 1468), der 
auch persönlich als Dichter und Theologe sich schrift- 
stellerisch tätig zeigte. Ein zweiter wurde erreicht, als 
das christhche Abessinien sich in einem heldenhaften 
Kampfe dem erneuten Vordringen des Islams gegenüber 
zu behaupten hatte und seit dem Jahre 1513 eine Stütze 
bei den Portugiesen suchte, die im Jahre 1543 die Ent- 
scheidungsschlacht in jenem Kampfe gewinnen halfen. 
Eine gewaltige Zusammenfassung aller nationalen Kräfte 
und die erstmahge Befruchtung derselben durch west- 
europäischen Geist konnten nicht umhin, in dieser stür- 
mischen, hauptsächlich mit der Eegierungszeit des Kö- 
nigs Lebna Dengel (1508 — 1540) zusammenfallenden 
Periode der politischen auch eine der wichtigsten Epochen 
für die Literaturgeschichte Abessiniens zu schaffen. Den 
dritten und letzten Höhepunkt im Rahmen der letz- 
teren erreichen wir mit dem Zeitalter des Entschei- 
dungskampfes zwischen der Jesuitenmission 
und dem angestammten monophysitischen 
Christentum der Landeskirche. In einem heißen 
Ringen vor allem mit geistig-literarischen Waffen haben 
die beiden Parteien damals um den endgültigen Sieg ge- 
stritten. Daß dieser im 17. Jahrhundert der altgläubigen 
Richtung zufiel, hat schon unter König Sarsa Dengel 
(1563 — 1597) ein Hterarisches Leben vorbereitet, das da- 
mals in dem Kloster Dabra Libänös einen überragenden 
Mittelpunkt fand. Ein gewisser 'Enbäqom (Habakuk), 
der als mohammedanischer Kaufmann aus Südarabien 
herübergekommen war, sich zum Christentum bekehrte 
und bis zur Würde eines Oberen jenes Klosters empor- 
stieg, hat sich besonders große Verdienste auf dem Ge- 
biete jüngster arabisch-äthiopischer Übersetzungslite- 
ratur erworben. 



Bibel und Apokryphen. 39 

Von hoher Wichtigkeit war es vor allem, daß die Be- 
dürfnisse des Kampfes zwischen Jesuiten und koptisch 
Gesinnten beide Teile erstmals auf einen literarischen 
Gebrauch der amharischen Volkssprache an Stelle des 
gelehrten Ge'ez hinwiesen. Immer mehr hat seitdem das 
Amharische dem allmählichen Absterben der Ge'ez- 
Uteratur gegenüber an Bedeutung gewomien. Die Sprache 
einer neuäthiopischen Literatur, zu welcher das 19. Jahr- 
hundert unter dem Einflüsse einer erneuten katholischen 
und einer nunmehr einsetzenden protestantischen Mis- 
sionstätigkeit nicht verächtliche Ansätze gemacht sah, 
wird nur es sein können. 

2. Bibel und Apokryphen. — Die erste literarische 
Aufgabe, vor welche sich die christlichen Glaubensboten 
auch in Abessinien gestellt sahen, hatte die Übersetzung 
der Bibel in die Landessprache gebildet. Doch er- 
folgte die Lösung derselben nur allmählich und durch 
nicht nur verschiedene, sondern auch sehr verschieden 
begabte Hände. Die vermutlich schon im 5. Jahrhundert 
entstandene Evangelienübersetzung und die von der 
Überlieferung auf das Jahr 678 datierte Übertragung des 
Sirachbuches dürften Anfangs- und Endpunkt dieses 
Werdeprozesses der äthiopischen Kirchenbibel bezeich- 
nen. Ein griechischer Text des Neuen Testamentes von 
syrisch-abendländischem Typus und die Septuaginta 
wohl in der Textrezension des Märtyrers Lukianos haben 
die Vorlage der ursprünglichen Übersetzer gebildet. Ihr 
Werk hat aber im Laufe der späteren Jahrhunderte eine 
tiefgreifende Überarbeitung auf Grund arabischer Bibel- 
texte erfahren, und seit den Glaubenskämpfen des 16. 
und 17. Jahrhundert ist in wachsender Vollständigkeit 
ein amharischer neben den Ge'eztext der Heihgen Schrif- 
ten getreten. 



40 Die äthiopische Literatur. 

Die aus den letzten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts 
stammende älteste erhaltene Ge'ezhandschrift bietet den sog. 
Oktateuch (die Bücher Mosis, Josua, der Richter und Ruth) 
in einer Textgestalt, die ein anschauliches Bild von der Zer- 
rüttung gibt, in welcher die altäthiopische Bibel aus den 
dunkeln Jahrhunderten der abessinischen Geschichte her- 
vorging. Eine Revision ihres Textes mußte beim Erwachen 
eines neuen geistigen und Hterarischen Lebens als ein drin- 
gendes Bedürfnis empfunden werden. Eine solche ist zunächst 
im 14. Jahrhundert im Kreise des Metropoliten Salämä wie- 
derum bei den Evangelien begormen und gleichfalls nur nach 
und nach auch für andere Teile der heihgen Schriftensammlung 
durchgeführt worden. Für das Alte Testament scheint dabei 
ein Einfluß des hebräischen Urtextes dadurch vermittelt 
worden zu sein, daß unter den arabischen Vorlagen, zu welchen 
man griff, die Übersetzung Sa'adiä Gä' 6ns einen hervorragen- 
den Platz einnahm. Eine Neuauflage dieser Revisionstätigkeit 
haben alsdann noch das 16. und 17. Jahrhundert gebracht. 
Während einerseits die Jesuiten einer Xeuübertragung aus 
dem Lateinischen der Vulgata Eingang zu verschaffen suchten, 
haben andererseits ihre Gegener bei Verbesserung des alt- 
überlieferten Textes auch jetzt sich auf arabisches Material 
gestützt. 

Eigenartig wie ihre Textentwicklung ist auch der 
Bücherbestand der äthiopischen Bibel. Es haben ikr von 
Hause aus im Neuen Testament die Geheime Offen- 
barung, im Alten vermutlich die Bücher Ezra und Nehe- 
mia des hebräischen Kanons sowie die beiden Makka- 
bäerbücher gefehlt, die in Abessinien wohl erst durch die 
aus der Vulgata geflossene Übersetzung der portugie- 
sischen Jesuiten bekannt wurden. Dafür hat umgekehrt 
eine ganze Reihe zunächst alttestamentlicher Apo- 
kryphen in der abessinischen Kirche kanonische Geltung 
gewonnen, deren durchweg aus dem Griechischen ge- 
machte Übersetzungen noch der altäthiopischen Literatux- 
periode des 5. bis 7. Jahrhunderts angehören. Es sind 
dies das im 2. Jahrhundert v. Chr. ursprünghch hebräisch 



Bibel und Apokryphen. 41 

abgefaßte Buch Henoch, das auf äthiopischem Boden den 
Titel eines „Buches der Einteilung" (Mashafa Küfäle) 
führende Jubiläenbuch, eine hier sich als „Rest der Worte 
Baruchs" einführende Erzählung von den letzten Lebens- 
schicksalen des Propheten Jeremias, das dritte und vierte 
Ezrabuch der griechischen Bibel. Von diesen Stücken 
sind Henoch und Jubiläen vollständig überhaupt nur in 
der äthiopischen Übersetzung erhalten. Ein Gleiches 
gilt von der „Himmelfahrt des Isaias", in welcher eine 
jüdische Legende vom Martertode des Propheten durch 
Zersägung mit einer bereits christlichen Apokalypse zu- 
sammengeschweißt ist. Wie der „Hirt" des Hermas mag 
dieselbe gleichfalls zeitweilig als Bestandteil der äthio- 
pischen Heiligen Schrift betrachtet worden sein. Jeden- 
falls sind auch die Übersetzungen dieser beiden Werke 
unmittelbar aus dem Griechischen geflossen, also noch 
in früherer Zeit entstanden. 

Von jüngerem Apokryphengut ist zu kanonischem 
Ansehen ledigüch ein spezifisch äthiopisches Makkabäer- 
buch gelangt, das von dem Martyrium dreier gesetzes- 
treuer Juden unter einem legendarischen König Sirü- 
säjdän (Tyrusund Sidon!) berichtet und dessen Existenz 
erst für die Mitte des 15. Jahrhunderts gesichert ist. Da- 
gegen ist der Umfang des an solchem Gute überhaupt 
äthiopisch Vorliegenden kein geringer. Neben einer 
äthiopischen Übersetzung des großen arabischen Kle- 
mensapokryphons, einer solchen des koptisch-arabischen 
Korpus apokrypher Apostelakten, dem Gadla Hawärjät 
(,, Glaubenskampf der Jünger"), und dem gleichfalls aus 
dem Arabischen übertragenen äthiopischen Adambuche., 
steht ein abessinisches Original zunächst an einem ,,Buch 
der Geheimnisse des Himmels und der Erde", dessen 
Verfasser Bahajla Mikä'el sich durch den Erzengel Ga- 



42 J^ie äthiopische Literatur. 

briel ein reichUch mit Zahlensymbolik durchsetztes Bild 
des gesamten Weltverlaufes von der Schöpfung bis zum 
Weltuntergang entrollt werden läßt, in welchem dem 
Erzengel Michael eine besonders hervorragende Rolle 
zufällt. Des weiteren gehört hierher eine Gruppe äthio- 
pischer Apokalypsen, in denen die vivisionäre Offen- 
barungsliteratur spätjüdischer und frühchristlicher Kreise 
eigentümliche letzte Ausläufer findet. Dem Ezra wird da 
eine Fekkäre Ijäsüs („Erklärung Jesu") betitelte Pro- 
phetie zugeschrieben, die unter König Tewodrös (Theo- 
dor) I. (1411 — 1414) entstanden sein könnte, da sie einen 
Herrscher diese Namens als Bringer eines goldenen Zeit- 
alters verkündet. Christus selbst ist es, der in einer ,, Vi- 
sion Senutes" (Rä'eja Sinodä) dem Patriarchen des na- 
tionalkoptischen Mönchtums über verschiedene Glau- 
benswahrheiten Aufschluß erteilt und ihn eine Fest- 
stellung des ,, richtigen" Bekenntnisses durch die Könige 
von ,,E,om" und Äthiopien vorausschauen läßt. In einer 
anderen spätäthiopischen Apokalypse wird gleichfalls der 
Heiland redend eingeführt, wieder in einer anderen der 
Blutzeuge Victor zum Träger geheimer Offenbarungen 
gemacht. Auch die Sibylle spielt in der abessinisclien 
Apokryphenliteratur eine Rolle. 

3. Recht und Liturgie. — Als Anhang des Neuen 
Testaments werden in der äthiopischen Überlieferung 
mehrfach drei Stücke gewertet, welche die Grundlage 
des älteren kirchlichen Rechts der Abessinier ge- 
bildet haben: ein am nächsten sich mit dem syrischen 
berührender Text des ,, Testaments unseres Herrn Jesus 
Christus", die Übersetzung einer der verschiedenen Re- 
daktionen der arabischen ,,Didaskalia der Apostel" und 
ein großes Senodos {2^vvodog) betiteltes Korpus konzi- 
liarer und pseudo-apostolischer Rechtssatzimgen, dessen 



Recht und Liturgie. 43 

arabische Vorlage merkwürdigerweise nicht eine mono- 
physitische, sondern eine melkitische gewesen war. 

Umfang und Anordnung des Senodos sind in den Hand- 
schriften im einzelnen nicht unmerklichen Schwankungen 
unterworfen. Von Konzilskanones finden sich ständig die- 
jenigen der ersten allgemeinen Kirchenversammlung zu Nikaia 
und der sechs alten Provinzialsynoden des griechischen Orients 
(Agkyra; Xeokaisareia; Gangra; Sardika; Antiocheia; Lao- 
dikeia). Von dem weitschichtigen pseudo-apostolischen Stoffe 
der unverbrüchlich Aufnahme erfährt, sind der Inhalt des 
koptischen „Kirchlichen Kanones der Apostel", ein Text 
der Kapitel 27 — 46 der „Apostolischen Konstitutionen" und 
ein solcher der von den syrischen Xestorianern auf Beschlüsse 
eines ersten Apostelkonzils zurückgeführte „Lehie der Apostel" 
hervorzuheben. Die Übersetzung des Ganzen aus dem Ara- 
bischen erfolgte noch vor der Zeit des Königs Zar'a Jä'qob, 
der bereits ein Exemplar nach Jerusalem schenken konnte. 
Eine praktisch noch größere Bedeutung als die drei 
älteren "Werke hat die frühestens nicht allzu lange vor 
1582, möghcherweise sogar erst tief im 17. Jahrhundert 
entstandene Übersetzung des Nomokanons des Ibn al- 
\Assäl gewonnen, die trotz ihrer durch Mißgriffe des 
Übersetzers und spätere Kopistenfehler bedingten Schwer- 
verständlichkeit unter dem Titel des Fetlia Xagast 
(,, Rechtes der Könige") bis zur Gegenwart das auch mit 
staatlicher Gesetzeskraft bekleidete Corpus Juris Abes- 
siniens geblieben ist. Allen Bedürfnissen der nationalen 
Wirklichkeit vermag allerdings dieses fremde, wurzelhaft 
kirchliche Recht nicht zu genügen. Eine hervorragende 
Stellung behauptet neben ihm an der Ser'ata klangest 
(..Reichsordnung"), deren Grundstock bis auf die gesetz- 
geberische Tätigkeit des Königs 'Amda Sejon (1314 bis 
1344) zurückgehen dürfte, eine Sammlung vor allem das 
höfische Rang- und Titelwesen, aber auch die Normen des 
gerichtUchen Verfahrens regelnder einheimischer Königs- 
gesetze. Ja, auch das Gewohnheitsrecht der einzelnen 



44 I^ie äthiopische Literatur. 

Stämme und Landschaften des weiten und oft durch 
Bürgerkriege zerrissenen Reiches ist in Geltung geblieben 
und hat gelegentlich sogar, wie das Beispiel der in Tigrina 
abgefaßten Satzungen des Stammes der Läggö lehrt, 
schriftliche Aufzeichnung gefunden. 

Durch ihre hturgischen Idealformulare hat die pseudo- 
apostolische Rechtsliteratur des christlichen Altertums 
im Schöße der äthiopischen Kirche ungleich nachhaltiger 
als irgend wo anders auch auf die wirkliche Liturgie 
eingewirkt. Namentlich gilt dies von dem Gebiete der 
Meßliturgie. 

Die Liturgie Abessiniens muß, den allgemeinen kirchen- 
geschichtlichen Verhältnissen entsprechend, in älterer Zeit 
eine wesenhaft syrische gewesen sein. Mindestens eine Über- 
setzung der in Ägypten niemals zur Herrschaft gelangten 
Jakobusliturgie Jerusalems gibt unter den zur Begehung der 
eucharistischen Feier bestimmten Texten von diesem frühesten 
Sachverhalt wohl noch deuthche Kunde. Seit dem Ende des 
13. Jahrhunderts ist dann vor allem im Gottesdienste der 
ägyptische Einfluß maßgebend geworden. Das mit der stadt- 
alexandrinischen zusammenhängende Normalgerüste der abes- 
sinischen Messe und eine ÜbersetzungMer koptischen Basi- 
leiosliturgie stehen unter den diesen Einfluß bezeugenden 
Urkunden obenan. Daneben haben nun die Idealformulare 
des „Testaments" und der ,, Ägyptischen Kirchenordnung" 
(vgl. I, S. 117 f.) mit solcher Vorliebe Verwendung gefunden, 
daß die Meßgebete der letzteren geradezu der Normaltext 
für das Zentralstück der abessinischen Messe geworden sind. 
SchheßUch steht für dieses noch eine Reihe anderweitig nicht 
bekannter Formulare zur Verfügung, deren nähere Erfor- 
schung über die Geschichte des altkirchlichen Abendmahls- 
gebetes vielleicht manches neue Licht verbreiten würde. 

In der Taufliturgie der äthiopischen Kirche scheint 
demgegenüber in ziemlicher Reinheit eine besonders alter- 
tümliche Form des entsprechenden Formulares der kop- 
tischen vorzuliegen. Gleichfalls in mehr oder weniger 
strenger Abhängigkeit von koptischer Liturgie entstanden 



Hagiügraphische Prosa. 45 

etwa seit der Mitte des 11. Jahrhunderts an weiteren 
liturgischen Büchern das die Gebettexte für die ein- 
zehien kirchlichen Tagzoiten enthaltende Mashafa Sä'atät 
(„Buch der Stunden"), das Texte für die einzelnen Wo- 
chentage enthaltende Gebetbuch Weddäse Amläk („Lob- 
preis Gottes") und verschiedene Ritualien, wie diejenige 
für die Leichenfeier, die Mönchseinkleidung, die Spen- 
dung der beiden Sakramente der Buße und der letzten 
Ölung, die Weihe des Wassers am Epiphaniefest und 
die Wiederaufnahme vom Christentum Abgefallener in 
die Kjrche. Eine besondere Beachtung scheint das Be- 
gräbnisritual des sogen. Mashafa Genzat zu verdienen, 
von dem eine ältere Gestalt durch eine erweiterte Aus- 
gabe wohl erst des ausgehenden 17. Jahrhunderts ver- 
drängt wurde, das aber in diesen beiden Rezensionen 
neben jüngeren Bestandteilen Stücke fruhcbristlich- 
ägyptischer Totenliturgie von höchster Altertümlich- 
keit enthält. 

4. Hagiographische Prosa. — Durchweg haben \sde 
bei der von den Kopten übernommenen Rechtsliteratur, 
so auch bei den jüngeren Schichten äthiopischer Liturgie 
arabische Texte als unmittelbare Grundlage der nicht 
originalen äthiopischen gedient. Ein gleiches gilt von 
einem ausgedehnten Gebiete hagiographischer Er- 
zählung, dessen ursprünglich griechisch oder 
koptisch abgefaßte Teile in einer aus dem Kop- 
tischen geflossenen arabischen Übersetzung den Weg 
von Ägypten nach Abessinien fanden, um hier ins Ge'ez 
weiter übertragen zu werden, soweit eine solche Über- 
tragung nicht etwa schon auf ägyptischem Boden selbst 
durch dort ansässige äthiopische Mönche erfolgte. Der 
übereinstimmenden Eigenart äthiopischen und kop- 
tischen Geistes entspricht es, daß hierbei dann vor- 



46 Die äthiopische Literatur. 

wiegend gescilichtlicil wertlose, dafür aber um so reicher 
mit phantastischen Wunder- und Visionsberichten aus- 
geschmückte Stücke nach dem Süden wanderten. 

Ein eng zusammengehöriger Kreis durchaus dem Gebiete 
eines erbauHchen Wunderromans angehörender legendarischer 
Akten angeblicher antiochenischer Märtyrer der diokletia- 
nischen Verfolgung, eine Mehrzahl von Texten über den zum 
Negerheiligen gewordenen hl. Menas, Lebensbilder von Ver- 
tretern des altägj^tischen Mönchtums (Paulus, Onuphrios, 
Maria Aegyptiaca u.a.), eine äthiopische Version der Legende 
des hier Gabra Kjrestos genannten hl. Alexios können als cha- 
rakteristische Beispiele für die Hauptmasse dieser hagio- 
graphischen Übersetzungsliteratur gelten. Die im Jahre 1510 
erfolgte Übertragung der Georgslegende mag etwa ihre Blüte- 
zeit bezeichnen. Eine äthiopische Biographie des Severus von 
Antiocheia, deren Grundlage auf den jakobitischen Patri- 
archen Athanasios I. (597 — 631) zurückgehen dürfte, zeigt, 
daß ihr auch minder legendarische Stoffe nicht völlig fern 
bheben. Selbst Gestalten und Ereignisse der altäthiopischen 
Kirchen- und Reichsgeschichte wurden in sagenhafter Ver- 
klärung erst durch sie zu neuem Leben erweckt. So lernte 
das spätere Abessinien durch eine aus dem Arabischen über- 
setzte Geschichte der Märtyrer von Negrän wieder die einst 
von den Vätern zum Schutze der verfolgten südarabischen 
Christen des 6. Jahrhunderst vollbrachten Kriegstaten be- 
wundern. 

Die ursprünglich selbständigen Übersetzungen sind 
späterhin, mit original-äthiopischen HeiUgenleben unter- 
mischt, in einem großen Sammelwerke, dem Gadla Sa- 
mä'etät (., Glaubenskampf der Märt}T:er"), vereinigt 
worden. Eine kürzere Redaktion der Heiligenlegende ist 
demgegenüber das Synasarion (Senkesär) Abessiniens, 
das in seinem Kerne eine Übersetzung des arabischen 
Werkes des Mihä'il von Atripe darstellt. Um ihm kirch- 
lich-praktische Brauchbarkeit zu geben, wurde jener 
landfremde Kern indessen besonders stark mit äthio- 
pischen Originalstücken durchsetzt, die auf deren 



Hagiographische Prosa. 47 

Jahrestage kurze Biographien auch der einheimischen 
Gottesmänner enthalten. 

Nicht minder sind diesen letzteren ausführliche Le- 
bensbeschreibungen gewidmet worden, die gelegentlich 
zu einem sehr beträchlichem Umfang anschwellen, und 
obgleich auch hier in oft wenig geschmackvollen Wunder- 
mären die abessinische Geistesart zu ebenso scharfem 
als nicht eben allzu erfreulichem Ausdruck kommt, so 
bieten die einschlägigen Texte doch an historischem und 
kulturhistorischem Einzelmaterial des Wertvollen sehr 
viel. Statt einer von vornherein zur Lektüre bestimmten 
Erzählung ist es dabei nicht selten eine sich zunächst an 
einen Hörerkreis wendende Lobrede, was dem einzelnen 
Heiligen gewidmet wird. 

Einige der „neun Heiligen" der Missionslegende wie 
Pantalewon und Aragä\\i und „der Sänger" Järed, dem die 
erste Pflege heiliger Dichtung und Sangeskunst im Lande 
zugeschrieben wird, sind hier Helden reiner Sagen. Auf einen 
geschichtlich wenigstens einigermaßen gesicherteren Boden 
führen die Lebensbeschreibungen einiger ,, Heiliger" aus der 
Zeit der Zägueherrschaft, vor allem zweier Könige dieser 
Dynastie selbst, Lälibala und Na'akueto La'ab, sowie die in 
drei verschiedenen Rezensionen überlieferte eines Takla Häj- 
mänot, in dessen Person die Kirche der politischen Umwälzung 
Jeküno Amläks ihre mächtige Unterstützung geliehen hatte. 
Einen gewaltigen Aufschwung der einheimischen Hagiographie 
hatte alsdann eine Art von Kulturkampf im Gefolge, den im 
14. Jahrhundert unter ^Amdä Sejon das Königtum gegen die 
Hierarchie und das Mönchtum der Landeskirche geführt hat. 
Denn wie es bei einem ähnlichen Kampfe der byzantinischen 
Geschichte, dem Bilderstreite, geschah, sind diejenigen, 
welche die schwere Hand der weltlichen Macht zu fühlen ge- 
habt hatten, hinterher als Bekenner verehrt und als solche 
der Ehre teilweise sehr eingehender Biographien gewürdigt 
worden. Tädewos ,.der Märtyrer", die beiden Filpos von 
Dabra Libänos und Dabra Bizan, Ba§alöta Mikä'el, Anorewos 
(Honorios), das Haupt der mönchischen Opposition gegen die 



48 I^iö äthiopische Literatur. 

Königsgewalt, und der Ordensstifter fiwostätewos gehören in 
diesen Kreis, dessen Geschichte schon das nächstfolgende 
15. Jahrhundert geschrieben hat. Marqorewos (Merkurios), 
der Gründer des Klosters Dabra Demäh (1 1419), stand im 
Mittelpunkte eines im Jahre 1680 abgefaßten besonders um- 
fangreichen Werkes, das, mit der sagenhaften Urgeschichte 
des christhchen Absssinien anhebend, auch schon die Schick- 
sale seiner Vorfahren behandelte, leider aber heute in keinem 
vollständigen Exemplare mehr erhalten zu sein scheint. Weitere 
Helden jüngerer äthiopischer HeiHgenlegende, wie Mabä'a 
Sejon, Fere ^likä'el, Zar'a Abrehäm, hat die Epoche Zar'a 
Jä'qobs hervorgebracht, der gleich einer Mehrzahl auch spä- 
terer Könige selbst als Heihger verehrt wird. Nicht minder 
hat hagiographische Schriftstellerei selbstverständHch sich 
auch der Vorkämpfer des monophysitischen Bekenntnisses 
im 16. und 17. Jahrhundert angenommen. Eine besonders 
wertvolle Lebensbeschreibung ist noch einer am Ende dieses 
Zeitalters lebenden Stifterin eines neuen Nonnenordens, Wa- 
latta Petros, zuteil geworden. 

5. Geschlchtschreibung. — Der Geist phantastischer 
Legende, der weite Schichten des hagiographischen 
Schrifttums der Abessinier erfüllt, waltet auch in dem- 
jenigen Werke, welches sie als Grund- und Eckstein ihrer 
historischen Literatur glauben schätzen zu dürfen. Es 
ist dies das unter dem unmittelbaren Eindruck des Sturzes 
der Zäguedynastie aus Priesterkreisen hervorgegangene 
Kebra Nagast (,, Herrlichkeit der Könige"), in Wirk- 
lichkeit eine legendarische Tendenzschrift größten Stiles 
zur Begründung des Thronrechtes der neuen ,, salomo- 
nischen" Herrscherfamilie, der in dem jüngeren Be'la 
Nagastat („Reichtum der Könige") eine nicht minder 
sagenhafte Darstellung der entscheidenden Staatsum- 
wälzung selbst an die Seite tritt, welche die Dynastie 
Jekünö Amläks die Stelle der Zägue einnehmen ließ. 

Den versammelten Vätern des Konzüs von Nrkaia erzählt 
in dem älteren Buche ein angebhcher Patriarch Demetrios 
vou Konstantinopel nach einer Handschrift, die er in der 



Geschichtsclireibung. 49 

Hagia Sophia gefunden hätte, die märchenhafte Urgeschichte 
des abessinischen Königtums, in deren Mittelpunkt Menehk 
(Baina-Iel^kem), der Sohn Salomons und der Mäkcdä ge- 
nannten Königin von Saba, steht. Eine die Patriarchen als 
Könige behandelnde alttestamentliche Geschichte von Adam 
bis David geht diesem Kern des Ganzen voran. Eine Weis- 
sagung von der Herrlichkeit des glaubensstarken und darum 
auch ,,Rom", d. h. dem byzantinischen Reiche innerlich über- 
legenen Äthiopien schließt sich an ihn an und wird gleich der 
einleitenden Geschichtserzählung dem hl. Gregorios Thauma- 
turgos in den Mund gelegt, den der Verfasser mit dem gleich- 
namigen ,,Erleuchter" Armeniens identifiziert. 

Ein Zeitgenosse der geschilderten Ereignisse der 
ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts ist es demgegenüber, 
der einen im schwungvollen Stile einer an guten ara- 
bischen Mustern gebildeten historischen Kunstprosa ab- 
gefaßten Bericht über die von König' Amda Sejön mit den 
Mohammedanern bestandenen Kämpfe hinterlassen hat. 
Der trockene Jahrbuchstil beinahe aller späteren ein- 
heimischen Geschichtschreibung ist endlich in 
einer gleichfalls von zeitgenössischer Hand herrührenden 
Darstellung des unter den Königen Lebna Dengel und 
Galäwdewös (Claudius, 1540 — 1559) in den Jahren 1527 
bis 1543 gegen den mohammedanischen Emir von Harrär 
Ahmed ibn Ibrahim al-Gäzi, genannt Gran, geführten 
National- und Religionskrieges erreicht, die, nach der 
einen Seite durch dürre Listen der früheren äthiopischen 
Könige, nach der anderen durch eine bis zum Jahre 
1729 führende Fortsetzung erweitert, den Kern der 
sogen, abgekürzten Chronik bildet. 

Im Gegensatze zu dieser stehen die ausführlichen, 
spätestens seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts von 
offiziellen Historiographen des königlichen Hofes ge 
führten Annalen der einzelnen Herrscher. Ihren im 
letzten Grunde schon von den aksumitischen Königs- 

Bauni3tark, Christi. Literatur. II. 4 



50 J^'e äthiopische Literatur. 

inschriften (vgl. I, S. 13) vorgebildeten literarischen 
Typ vertritt erstmals eine Geschichte Zar'a Jä'qobs und 
seiner nächsten Nachfolger, angeblich das Bruchstück 
eines weit umfassenderen Geschichtswerkes, das von dem 
sagenhaften Salomonsohne Menelik bis zum Jahre 1508 
herabgeführt hätte. Mit einer Geschichte Sarsa Dengeis, 
genannt Malak Sagad I. (1563 — 1579), die einleitend auch 
die Zeit seiner drei letzten Vorgänger behandelt, hebt 
alsdann die zusammenhängende Reihe erhaltener Texte 
dieser Königsannalen an, von denen die besonders um- 
fangreichen des Süsnejos (vgl. I, S. 33) und diejenigen 
der drei Könige A'läf Sagad, Ijäsü I. und Bakaffä (1667 
bis 1726) hervorgehoben sein mögen. Die Sprache dieser 
literarischen Gattung ist ein stark mit amharischen Ele- 
menten versetztes Ge'ez, die sogen. Chroniksprache, die 
erst in den Jahrbüchern des von den Engländern über- 
wundenen Tewodrös II. (1855 — 1868) mit einem reinen 
Amharisch vertauscht wurde. 

Eine Sonderstellung nimmt dem allem gegenüber eine 
kleine, dafür aber vielleicht im Gesamtbereich alles 
christlich-orientalischen Schrifttums einzig dastehende 
Schrift des ausgehenden 16. Jahrhunderts ein : eine 
..Geschichte" des Volkes der Galla, das seit der 
ersten Hälfte desselben von Süden her in Abessinien ein- 
gedrungen war. 

Ein Mönch'und Hofgeisthcher Bährej hat dieses merk- 
^vürdige Denkmal einer ungemein vorurteilsfreien Welt- und 
Menschenbetrachtung im Winter 1595/96 zu Papier gebracht. 
Die schwerenjund zeitweilig höchst unglückhchen Kämpfe, 
welche man gegen die ,, Ungläubigen" zu führen hatte, ver- 
anlaßten ihn, den verschiedenen Stämmen der gefürchteten 
Feinde, ihrer Verfassung, ihren Sitten, Kriegstaten und Kriegs- 
helden das in mehr als einer Beziehung an die Germania des 
Tacitus erinnernde Büchlein zu widmen. Auch die Frage 
nach den Gründen der von seiner eigenen christlichen Nation 



Wunder-, ünterhaltungs- und Zauberliteratur. 51 

den Galla gegenüber erlittenen Niederlagen hat er sich gestellt 
und mit ruhig-kühlem Denken zu beantworten gesucht. 

Schließlich sind auch auf dem Gebiete abessinischer 
Geschichtsliteratur neben den hier einmal entschieden 
überwiegenden äthiopischen Originalwerken einige un- 
mittelbar sämtlich wieder aus dem Arabischen ge- 
flossene Übersetzungen namhaft zu machen. Eine 
schon im 13. oder 14. Jahrhundert übertragene „Ge- 
schichte der Juden" (Zenä Ajhüd) ist nichts anderes als 
die auf Grund griechischer und lateinischer Quellen ur- 
sprünglich hebräisch abgefaßte Chronik des Juden Joseph 
beii Gorjon. Im 16. Jahrhundert folgten die Über- 
setzungen der original-arabischen Geschichtsw^erke des 
den Abessiniern unter dem Namen Gijorgis walda Amid 
bekannteren al-Makin und des Abu Säkir, die letztere 
eine persönliche Arbeit 'Enbäqoms. Erst das Jahr 1602 
sah endlich auf Anregung des königlichen Hofes durch 
einen Ägypter Qeberjäl (Gabriel) die Weltchronik über- 
setzt, die im 7. Jahrhundert der Bischof Johannes von 
Nikiu gewiß eher in koptischer als noch in griechischer 
Sprache verfaßt hatte und deren Schlußpartie als zeit- 
genössischer Bericht über die mohammedanische Er- 
oberung Ägyptens einen hervorragenden W^ert besitzt. 

6. Wunder-, ünterhaltungs- und Zauberliteratur. — 
In schroffem Gegensatz zu der nüchternen und verstän- 
digen Richtung, welche wir die abessinische Geschichts- 
schreibung in der Folgezeit einschlagen sehen, ist der- 
jenigen des Kebra Nagast eine Reihe frrößerer Werke 
wahlverwandt, die, ausschließlich der Erzählung von 
mitunter recht absonderlichen Wundern gewidmet, 
einen besonders treuen Spiegel der äthiopischen Volks- 
seele bilden. Über die Zeichen bei der Geburt des Hei- 
lands berichtet das von Zar'a Jä'qob an ,, alle Kirchen'* 

4* 



52 I^ie äthiopische Literatur. 

versandte Mashafa Miläd („Buch der Geburt"), das nach 
der Absicht des frommen Königs einen Ersatz für die 
Lockungen heidnischen Aberglaubens bieten sollte und 
dessen einzelne Abschnitte mit dem auf den 29. des 
Monats Tahsas fallenden Weihnachtsfeste beginnend, der 
Reihe nach je am 29. eines äthiopischen Monats zu kirch- 
licher Verlesung kommen. Aus dem Arabischen wurden 
Sammlungen von Berichten über Wunder Marias (Ta'- 
ämra Märjäm) und des hl. Georg (Ta'ämra Gijorgis), die 
letztere gegen Ende des 15. Jahrhunderts, übersetzt. 
Die'^abessinische Nationaleitelkeit in eigenartiger Weise 
zu befriedigen, waren dagegen die Ta'ämra Märjäm wa 
ijäsüs („Wunder Maria und Jesu") bestimmt, indem ihre 
märchenhafte Erzählung der Flucht nach Ägypten die 
Heihge Familie bis nach Abessinien kommen läßt. 

Dem Zweck einer wesenhaft erbauÜchen Unter- 
haltung der in solchen Texten verfolgt wird, sollen auf 
äthiopischem Boden auch einige ursprünglich nicht- 
christliche Stoffe dienen. Dies gilt von dem Roman von 
Barlaam und Joasaph, den 'Enbäqöm im Jahre 1553 aus 
dem Arabischen übersetzte, wie von der Lebensgeschichte 
Alexanders d. Gr., wo an die Übersetzung des Pseudo- 
Kallisthenes eine national-abessinische Sage sich an- 
schUeßt, welche das Bild des Welteroberers vollends in 
dasjenige eines Mannes Gottes nach dem Herzen christ- 
lich-orientalischer Mönche umwandelt. Es gilt ferner 
von Geschichte und Spruch Weisheit des Philosophen Se- 
cundus, wie von einer umfassenden Sammlung griechischer 
Philosophensprüche: dem Mashafa Faläsfa Tabibän 
(„Buch der weißen Philosophen"), dessen arabische Vor- 
lage dem entsprechenden Werke des Hunain ibn Ishaq 
verwandt war, ohne aber mit ihm identisch zu sein. 

Ist es hier durchweg Spätgriechisches, was durch 



Gelehrte Literatur. 53 

arabische Vermittlung dem abessinischcn Geiste zu- 
strömte, 80 war schon in anderem Zusammenhang 
(I, S. 120) darauf hinzuweisen, welchen Einfluß auf 
diesen koptisches Zauberwesen ausgeübt hat. Er selbst 
muß allerdings der vollen Wirkung eines derartigen Ein- 
flusses die denkbar günstigsten Bedingungen geboten 
haben. Denn die Abessinier übertrafen offenbar gar bald 
in allerhand dunkler Kunst selbst ihre koptischen Lehrer, 
und in keiner christlichen Literatur des Orients nimmt 
die Zauberei einen auch nur entfernt so breiten Raum 
ein wie in der ihrigen. Ein Buch Arde'et („Die Jünger"), 
das von den in der Kraft des Namens Christi durch die 
Apostel gewirkten Zauberzeichen berichtet, ist lediglich 
eine der hervorragendsten Einzelerscheinungen eines 
ganzen ausgedehnten Schriftenkreises von gleicher 
Richtung. 

Um geheime Namen Gottes und Christi, deren bloßes 
Aussprechen magische Kraft besitzen soll, drehen sich noch 
.nehrfach ganze Bücher, wie die Saragalä Eljäs (,, Wagen des 
Elias"), Asmäta Egzi'ena (,,Die Namen unseres Herrn") und 
Negranni Semeka (,, Nenne mir deinen Namen") betitelten. 
Zahllose Beschwörungsgebete, oft nach koptischem Vorbild 
durch eine erzählende Einleitung empfohlen, sollen gegen 
Krankheit'und L'nwetter, Kriegsgefahr und feindlichen Zauber, 
gegen den'' bösen Blick und gegen das Walten aller möglichen 
Dämonenf schützen, die bald in menschlicher, bald in tie- 
rischer Gestalt erscheinen. Die Gottesmutter und ein'anti- 
ochenischer Blutzeuge* Kyprianos, der selbst vor seiner Be- 
kehrung'zum Christentum Zauberer gewesen sein soll und an 
dessen Namen sich schon seit frühchristhcher Zeit auch latei- 
nische und griechische Gebete verwandter Natur knüpfen, 
werden mit Vorliebe in Zusammenhang mit solchen Texten 
gebracht. 

7. Gelehrte Literatur. — Daß ein Volkstum, so erfüllt 
von kindlich naivem Wunderglauben, so verloren auf 
den Irrpfaden eines aberwitzigen Zauberwesens wie das 



54 Die äthiopische Literatur. 

abessinische, einen gedeihlichen Boden für die Entwick- 
lung einer auch noch so bescheidenen Wissenschaft und 
wissenschaftlichen Literatur nicht abgeben konnte, liegt 
auf der Hand. Nur recht weniges hat denn schon die 
äthiopische Theologie an einigermaßen bedeutenden 
Uterarischen Erscheinungen aufzuweisen, und selbst 
dieses wenige besteht größtenteils aus bloßen Über- 
setzungen — von einer einzigen Ausnahme abgesehen — 
mindestens unmittelbar wieder arabischer Vorlagen. 

Die gedachte Ausnalinie bildet eine noch aus altäthio- 
pischer Zeit stammende Sammlung aus den griechischen 
Originalen selbst übersetzter dogmatisch bedeutsamer Texte. 
Geradezu als Ganges Qerlos (,,Kyrillos") betitelt, wird sie 
durch die an Kaiser Theodosios IL gerichtete christologische 
Programmschrift des Kyrillos von Alexandreia eröffnet. Mit 
weiteren Stücken sind in ihr Akakios von Mehtene, Eusebios 
von Herakleia am Pontos, Firm{ihan?)os von Kaisareia in 
Kappadokien, Gregorios Thaumaturgos, Johannes von Anti- 
ocheia, JuvenaHs von Jerusalem, Proklos von Kyzikos, Rhe- 
ginos von Konstantia, Severianus von Gabala, Severus von 
Synnada in Phrygien und Theodotos von Agkyra vertreten. 

Was die spätere theologische Übersetzungslite- 
ratur aus dem Arabischen anlangt, so gehört sie nicht 
nur selbstverständUch der neuen durch Jekuno Amläk 
und Takla Häjmänot eröffneten Periode abessinischer 
Geschichte und Kultur, sondern im großen und ganzen, 
wie es scheint, sogar erst dem 16. und 17. Jahrhundert 
an. Dem stark sekundären Charakter schon des christHch- 
arabischen Schrifttums selbst entsprechend hat sie noch 
mehr als mit arabischen Originalen Abessinien mit ur- 
sprüngHch griechisch, syrisch und koptisch abgefaßten 
Werken bekannt gemacht. 

igr- Auf dem Gebiete der Bibelerklärung haben die Homilien 
des Chrysostomos über den Hebräerbrief und der im Jahre 1590 
übertragene Evangelienkommentar des Dionysios bar Salibhi 
bei den äthiopischen Gottesgelehrten ein einzigartiges An- 



Gelehrte Literatur, 55 

srhen gewonnen. Melir war es, was man sich an Festpredigten 
liauptsächlich griechischer und syrischer, doch vereinzelt 
auch koptischer Kleister geistlicher Rede aneignete. Neben 
mindestens zwei verschiedenen Sammlungen solcher für das 
ganze Kirchenjahr stehen Sondersammlungen von Reden auf 
die Feste der sehgsten Jungfrau bzw. des Erzengels Michael 
und anderer Engel. Das abessinische Mönchtum hat an aske- 
tischem Schi'iftengute vom Auslande neben der Pachomios- 
regel, einem ,, Väterparadiese", in dessen Rahmen das Werk 
des Palladios nach syiisch-monophysitischer Tradition mit 
Philo \enos von Hierapolis in Zusammenhang gebracht ist, 
und dem Nachlasse des Pontiers Euagrios vor allem den- 
jenigen zweier Syrer, des wieder als ,,der geistliche Alte" 
(Aragäwi Manfasä'wi) hochverehrten Johannän Säbhä und des 
Isliaq von Ninive, übernommen. Endlich ist hier der auch 
äthiopischen Bearbeitung zu gedenken, welche im Jahre 1582 
unter dem Titel Ma§liafa Hä\^-i („Umfassendes Buch") der 
asketische Uardey.Ttjc des Nikon fand. Für die Dogmatik der 
abessinischen Theologen haben neben der alten Sammlung von 
Abhandlungen griechischer namentlich die Arbeiten zweier 
späterer koptischer Kirchenmänner maßgebhche Bedeutung 
erlangt: des Severus von ASmünain, dessen die chi-istHche 
Lehre zusammenfassend darstellende zwölf Traktate das ,,Se- 
verusbuch" (Ma^hafa Sawirös) der ätliiopischen Kirche bilden, 
und des Baulus ihn Ragä, von dessen großer dogmatischer 
Materialiensammlung sie einen abessinischen Text unter dem 
Titel Hajmänöta Abau (,,C41aube der Väter") spätestens seit 
der Mitte des 16. Jahrhunderts besaß. Erst im Jahre 1667 
wurde dagegen als Faus Manfasäwi (,, Geistliche Heilung") der 
Nomokanon des Miha'il von Atripe der äthiopischen Literatur 
einverleibt, in welcher er als Hilfsbuch für die Verwaltung des 
Bußsakramentes eine feste Stelle gewann. Auch ein großes 
ketzerbestreitendes Werk, der Talmid (, .Schüler") eines 
Mönches Georgios, Schülers eines „Antonios, des Syrers", 
wurde aus dem Arabischen übertragen. 

Innerhalb der theologischen Originalliteratiir 
in äthiopischer Sprache nimmt, wenn auch nicht 
zeithch die führende, so doch eine überragende Stellung 
eine Mashafa Berhän (,,Buch der Erleuchtung") ) ^- 
titelte Arbeit des königlichen Schriftstellers Zar'a Ja"' 



56 Die äthiopische Literatur. 

ein: eine Frage des Glaubens, wie solche der Sitten und 
Disziplin behandelnde Art von Kirchenordnung, die von 
dem ernsten Bemühen des Königs Zeugnis ablegt, die 
Kirche seines Reiches zu heben und zu läutern. Die 
eigenthche Blütezeit dieser Literatur wird aber erst durch 
das Zeitalter der Jesuitenmission und der gewaltsamen 
monophysitischen Reaktion gegen dieselbe bezeichnet, 
und auch jetzt ist es wieder das Wort eines Theologen 
auf dem Königsthrone, die sog. confessio Claudii des 
Galäwdewos vom Jahre L555 oder L558, was besondere 
Beachtung verdient. 

Das älteste erhaltene theologische Originalwerk Abes- 
siniens soll bereits ums Jahr 1417 an dem ;Ma=hafa Mestir 
(„Buch des Geheimnisses") eines Amharers Gijorgls von He§ba 
;-^ej6n die erste Berührung hervorgerufen haben, in welche das 
einheimische Christentum mit dem durch einen abendlän- 
dischen Reisenden vertretenen Kathohzismus gekommen 
väre. Eine Widerlegung aller L-riehren enthaltend, ist das- 
selbe späterhin zu solchem Ansehen gelangt, daß seine ein- 
zelnen Abschnitte der Reihe nach zur Verlesung an den Fest- 
tacfen des Kirchenjahres bestimmt wurden. Dem auch in 
seinem Hauptwerke von ihm rühmlichst geführten Kampfe 
gegen den Zauberglauben hat sodann Zar'a .Jä'qob noch 
zwei kleinere Sonderarbeiten gewidmet. Die .Jesuiten und 
ihre Gegner haben den dogmatischen Entscheidungskampf 
um das Bekenntnis der äthiopischen Kirche zu hterarischem 
Austrage nicht nur im Ge'ez, sondern auch in amharischer 
Sprache gebracht, in welcher von monophysitischer Seite 
eine elementare Glaubenslehre erstmals imter dem Titel 
A'mäda Mestir (,, Säulen des Geheimnisses") abgefaßt wurde. 
Auch hat sich der einmal erweckte Geist theologischer Pole- 
mik um die Wende vom 16. zum 17. .Jahrhundert gelegentHch, 
wie in einem Anqa.ja Amin (,, Glaubenspforte") betitelten 
Schriftchen, gegen den Lslam gewandt. Nicht mit voller 
Sicherheit kann dagegen der äthiopischen Originalliteratur 
eine umfangreiche Apologie des Christentums gegenüber dem 
Judentum zugerechnet -werden, welche in die Form eines 
Berichtes über die Bekehrung eines Juden Jakob unter 



Gelehrte Literatur. 57 

einem angeblichen Statthalter des Kaisers Herakleios, Ser- 
gios von Abergä, und über die Kontroversreden des Neu- 
getauften gegen seine früheren Glaubensgenossen gekleidet ist. 

Noch weniger als ein theologisches wird man ein 
profanwissenschaftliches Schrifttum von irgend- 
welcher nemienswerten Bedeutung in Abessinien erwarten. 
Dinge, wie das versprengte Stück eines geographischen 
Textes unter dem Namen des Ptolemaios bleiben in der 
handschrifthchen Überlieferung völlig vereinzelte Er- 
scheinungen. Nur zu lexikographischen Arbeiten drängte 
die Eigenschaft des Ge'ez als einer toten Sprache mit 
Notwendigkeit, und die so entstehenden Wörterbücher 
mit amharischer Erklärung, die sog. Sawäsew (,, Lei- 
tern"), \vurden dann auch wohl zu Kompendien alles im 
bedingt Wissenswerten aus Religion, Naturkunde, Ge 
schichte und Zeitrechnung ausgebaut. Ein amharisches 
Wörterbuch der Galla-Sprache bedeutet aber selbst auf 
sprachwissenschaftlichem Gebiete das Höchste, wozu 
man sich aufgeschwungen hat. Amharisch wurden endlich 
auch einige Arzneibücher verfaßt. 

Im höchsten Grade überraschend wirkt es angesichts 
einer solchen allgemeinen Sachlage, daß dem abessinischen 
Volke im 17. Jahrhundert zwei einsam ihren Lebenspfad 
wandelnde Menschen erstanden, die als wirkliche Phi- 
losophen bezeichnet werden müssen. Es sind dies der 
am 30. August Lö99 als Sohn eines armen Bauern ge- 
borene Priesterschüler Zar'a Ja qob, der nach einem Da- 
sein voll tiefster innerer Kämpfe im Alter von 93 Jahren 
als ausgesprochen rationalistischer Freidenker starb, 
und sein Schüler Walda Hejwat. Jeder von beiden hat 
seine Weltanschauung in einem schlicht als Hatatä 
(,, Untersuchung") bezeichneten Büchlein niedergelegt, 
und wenigstens die schon durch ihre autobiographische 



58 Diö äthiopische Literatur, 

Form fesselnde Schrift des Meisters, der im Zeitalter des 
Dogmenstreites z-wischen „Franken" und ,, Kopten", an 
aller überlieferten Religion irre geworden, durch schwere 
Zweifel sich wenigstens zu einem innig frommen Vernunft- 
glauben an Gott als den allgütigen und allweisen Schöpfer 
wieder durchgerungen hat, verdient in der ungeschminkten 
Kj-aft ihrer rücksichtslosen und doch abgeklärt ruhigen 
Wahrhaftigkeit einen Ehrenplatz neben den hervor- 
ragendsten Selbstbekenntnissen der Weltliteratur. Aber 
auch diejenige des Jüngers hat, wenngleich ihr mehr 
systematisch doktrinärer Ton eine gleiche unmittelbare 
Frische nicht aufkommen läßt, vollen Anteil an der 
sittlichen Größe einer Betrachtung von Welt und Leben, 
für die mitten im herbsten spekulativen Zweifel die mitf 
unerbittlichem Ernste erhobene Forderung, selbst gut 
zu sein, alles bedeutet. 

8. Poesie. — Ist ein eigenartiges Nebeneinander einer 
kirchlichen und einer weitlich-nationalen Schicht schon 
für einzelne Gebiete äthiopischer Prosa, wie für die- 
jenigen des Rechts und der Geschichtsschreibung, nicht 
wenig bezeichnend, so macht sich ein entsprechender 
Doppelcharakter mit besonderer Entschiedenheit in der 
Poesie Abessiniens geltend. 

Die Blütezeit einer bodenständigen liturgischen 
Dichtung, deren kraftvolle Klänge sich an dem Vor- 
bilde biblischer Poesie, vor allem des Psalters, gebildet 
haben, dürfte bis in das 7. Jahrhundert hinaufreichen. 
Doch hätte eine wissenschaftliche ErschUeßung des maß- 
geblichen alten Liederbuches der äthiopischen Kirche, 
des Degguä und seiner Anhänge von gottesdienstlichen 
Gesangstücken verschiedener Gattungen (Zemmäre; 
Me^räf ; Mawäse'et) erst zu erfolgen. In wie hohem Grade 
späterhin auch der heilige Gesang unter den alles beherr- 



Poesie. 59 

sehenden koptischen Einfluß gekommen ist, dafür legt 
die von der abessinischen Überlieferung selbst allerdings 
vielmehr mit dem Namen des Syrers Aphrem in Zu- 
sammenhang gebrachte Sammlung von Muttergottes- 
gesängen unter dem Titel Weddäse Märjäm („Lobpreis 
Marias") Zeugnis ab, welche eines der populärsten Denk- 
mäler der gesamten äthiopischen Literatur bildet. Denn 
ihr engster Zusammenhang mit den bohairischen Theo- 
tokia ist unverkennbar, wenngleich eine vollständige 
Übersetzung derselben in ihr nicht vorliegt. 

Auch sonst wurden liturgische Dichtungen, wohl durch- 
weg auf Grund einer arabischen Hilfsübersetzung, aus dem 
Koptischen übertragen, so beispielsweise eine „Marienklage"' 
(Lalja Märjäm), als deren Übersetzer MetropoHt Salämä selbst 
bezeichnet wird und die im Gottesdienste des Karfreitags ihi-e 
bleibende Stelle erhielt. Neben die Übersetzungen traten 
sodann die Nachahmungen koptischer Kirchendichtung. So 
entstand auf Anregung Za'ra Jä'qobs ein original-ätliiopisches 
Seitenstück zum Weddäse ^lärjäm an dem Arganonä Dengel 
bzw. Weddäse (,, Orgel der Jungfrau" bzw. ,,des Lobpreises") 
einem Mariengesangbuclie, dessen Texte gleich denen des 
älteren und seiner koptischen Vorlage der Reihe nach zum 
Vortrag an den einzehien Wochentagen bestimmt sind. 

Auf zwei charakteristisch äthiopische Dichtungs- 
formen gehen demgegenüber die Bezeichnungen Malke' 
(,, Bildnis") und Saläm („Friedensgruß"), die praktisch 
freilich in den meisten Fällen bei einem und demselben 
Texte gleichmäßig anwendbar sind. Eine längere Reihe 
von Strophen preist hier nämlich unter dem Einflüsse 
bestimmter Stellen des in der jüngeren äthiopischen 
Kirche im Zusammenhang mit der politischen Legende 
von der salomonischen Herkunft des Herrscherhauses 
besonders geschätzten Hohen Liedes die einzelnen Körper- 
teile eines Heiligen, bzw. es heben, im letzten Grunde 
nach dem Vorbild gewisser Erscheinungen griechischer 



60 I^ie äthiopische Literatur. 

Kirchenpoesie (der sog. yaigeTiojiioi), sämtliche Strophen 

mit einem : ,,Gruß dir " an, ein rein formaler Aufbau, 

der mit jenem inhaltlichen Charakter eben sehr wohl 
Hand in Hand gehen karm. 

Einzelstrophen, bestimmt zur Einschaltung sowohl 
in diese mehrstrophigen Dichtungen als aucli in den 
Psalmentext, sind die volkstümlichsten Kirchenlieder 
Abessiniens, welche der Name der Qene bezeichnet. In 
einreimigen Verszeilen von verschiedener Länge stellen 
sie das Äquivalent der ältesten und einfachsten Gebilde 
alles christlich-orientalischen Kirchengesanges dar, und 
mit der Kunst ihrer Dichtung sich vertraut zu machen 
gehört zu den wesentlichsten Aufgaben der Vorbereitung 
für den geistHchen Stand. Gerade deshalb aber, weil die 
Pflege dieser heiligen Dicht- und Sangeskunst Standes- 
pflicht des gesamten Klerus ist, verfallen die Namen 
der einzelnen Dichter rasch und vollständig der Ver- 
gessenheit. 

Doch hat es der äthiopischen Literatur auch nicht an 
könighchen Sängern gefehlt. So versuchte sich König Nä'od 
(1494 — 1508) mit besonderem Glück in der Spezialgattung 
sechszeiliger Qene (sog. Seiläse), während er in einem größeren 
Preisgedichte auf dieselbe (Malke'a Märjäm) die Form des 
Malke' auf die Gottesmutter anwandte. Schon vor ihm hatte 
Zar'a Ja'"q6b in einem nach den Anfangsworten Egzi' abher 
Nagsa (,,Der Herrgott ist König") genannten poetischen 
Werke jedem Tagesheüigen des ganzen Jahres ein Ruhmes- 
blatt gewidmet. Eine andere umfangreiche Dichtung, der 
gleichfalls ihre ersten Worte den Namen gegeben haben, ist 
der Mönchshymnus Tabiba Tabibän („Weiser der W^eisen") 
zum Preise des aUwaltenden Gottes. 

Dieser gesamten ausschließlich geistHchen Ge'ez- 
dichtung tritt nun aber eine ebenso entschieden welt- 
liche Volkspoesie in dialektischer Form zur Seite, 
die an echt poetischen Werten mindestens die jüngeren 



Das christliche Schrifttum der Artaeiiier und Georgier. 61 

Schichten jener weit überragt. Altere aiuharische Kö- 
nigslieder von hoher dichterischer Kraft und voll dra- 
matischen Lebens feiern, in ihrer äußeren Kunstform den 
Qene nächst verwandt, die Kriegstaten der Herrscher 
des 14. bis 16, Jahrhunderts. Neben zwei- bis dreizeiligen 
gereimten Sprichwörtern und prosaischen Fabeln ge- 
währen sodann spätere Volkslieder von strengerer me- 
trischer Form in Tigre und Tigrifia einen Einblick in 
Fühlen und Denken, Singen und Sagen der Massen bis 
in die Gegenwart herein. Heldenlieder von Schlachten 
und Beutezügen sind auch hier die umfangreichsten 
Stücke. Totenklagen, Jagd- und, meist ganz kurze. Liebes- 
lieder stehen daneben. Auch satirisch ist nicht weniges in 
dieser Fülle volksmäßigen Gesanges, dessen schriftliche 
Aufzeichnung erst der Sammelfleiß europäischer Ge- 
lehrter veranlaßt hat. Anderes gilt allgemein dem Lobe 
von Stamm und Heimatsscholle. Es ist die Weise der 
alten vorislamischen Dichter Arabiens, der Ton heutiger 
Beduinenlieder der libyschen Wüste, womit sich der 
Geist solch weltlich-volkstümlicher Poesie aufs nächste 
berührt. 



m. Das christliche Schrifttum der Armenier 
und Georgier. 

Dem durch Ägypten, Nubien und Abessinien gebil- 
deten Südkreise der christlich-orientaUschen Welt tritt 
ein eigentümUcher Nordkreis derselben gegenüber, wel- 
cher die Nationen der Armenier, Georgier und Albanier 
umfaßt. Von diesen ist die dritte aus der Bildfläche des 
geschichtlichen Lebens verschw^unden, ohne irgend- 
welche bislang an den Tag gekommene Denkmäler einer 



62 I^i^ armenische Literatur. 

literariscilen Produktion in ihrer eigenen Sprache zu 
hinterlassen. Dagegen hat sich das armenische und 
georgische Schrifttum, getragen durch eine immer 
wieder auch politisch sich zur Geltung bringende natio- 
nale Kraft, in so hohem Grade ent^^dcklungsfähig er- 
wiesen, daß beide Literaturen sogar mit einer vielver- 
sprechenden Vitalität in die Sphäre modernen htera- 
rischen Lebens eingetreten sind. Im Eahmen eines Über- 
blickes über die spezifisch christhchen Literaturdenk- 
mäler des nichtgriechischen Orients stehen jedoch nur 
die diesem Eintritt voranHegenden Schichten derselben 
zur Besprechung, die vom Standpunkte einer künftigen 
klassischen Periode neuarmenischen und neugeorgischen 
Schrifttums aus ^^elleicht einmal als das Erbe einer 
bloßen mittelalterlichen Vorbereitungszeit sich" dar- 
stellen werden. 

A. Die armenische Literatur. 

Mit dem zuerst von den Griechen bezeugten Namen 
der Armenier {'Ao/ueviol) bezeichnen wir die selbst 
sich Haikh nennenden Angehörigen eines Volkes, das im 
6. Jahrhundert v. Chr. von Südwesten her in das Ge- 
birgsland am Oberlaufe des Araxes, um den Wansee und 
die Euphrat quellen eingerückt zu sein scheint, wo früher 
dasjenige der Chalder sein mächtiges, uns durch ein- 
heimische und durch die ass}Tischen Keilinschriften be- 
kanntes Reich von ürartu (vgl. bibHsch: Ararat, grie- 
chisch: "AAagodioi; einheimisch: Biaina) gehabt hatte. 
Erst unter medischer, dann unter persischer und unter 
der Herrschaft der Seleukiden stehend, hat dieses Volk 
sich seit der Zeit des Antiochos Epiphanes (175 — 164) 
einer nationalen Selbständigkeit im Rahmen eines unab- 



l)ie allgemeine Entwickelung. 63 

hängigen Reiches erfreut, an dessen Spitze seit dem 
Jahre 66 v. Chr. die parthische Dynastie der Arsakiden 
stand und das, zwischen dem römischen und dem par- 
thischen bzw. neupersischem eingebettet, den immer 
wieder umstrittenen Zankapfel zwischen den beiden 
politischen Großmächten der späteren Antike bildete. 
Nachdem es dieselbe im 5. Jahrhundert verloren 
hatte, um sie im alten Umfange niemals wieder zu er- 
langen, ist das armenische Volk durch die Gewalt un- 
günstiger geschichtlicher Verhältnisse, dem jüdischen 
ähnlich, weit über die Grenzen seines ehemaligen Königs- 
staates hinaus zerstreut worden. Bis auf die Balkan- 
halbinsel, nach Österreich-Ungarn, Italien, Palästina 
und Indien erstrecken sich noch heute seine Kolonien. 
Das nationale Einigungsband des christlich gewordenen 
aber hat in allen Stürmen seiner mittelalterlichen Ge- 
schichte die eifersüchtig festgehaltene Sprache der Väter 
und ein kirchlich gerichtetes Schrifttum in derselben ge- 
bildet, das an Bedeutung im Kreise der christlich-orien- 
talischen Literaturen selbst hinter dem syrischen kaum 
zurücksteht. 

a. Die allgemeine Entwicklung. 

Um rund ein Viertel] ahrtausend jünger als die sy- 
rische, hat wie diese die armenische Literatur ihre klas- 
sische Blütezeit vor der mohammedanischen Eroberung 
Vorderasiens erlebt. Die Jahrhunderte bis zur Begrün- 
dung des kilikisch - armenischen Reiches der Rubeniden 
(1080; vgl. I, S. 29) haben bei aller äußeren Masse des 
in ihrem Verlaufe Geschriebenen innerlich durchaus an 
dem Erbe jener Glanzperiode gezehrt. Neues Leben hat 
dagegen das Zeitalter der Kreuzzüge einerseits an einer 
der syrischen entsprechenden gelehrten Renaissance- 



ßj. Die armenische Literatur. 

literatur, andererseits an den Anfängen eines den Bann 
des alten Klassizismus sprengenden volkstümlichen 
Schrifttums gebraclit, und erst seit dem 14. Jahrhundert 
machte sich ein völliger Niedergang geltend, der an einer 
neuen Renaissanceliteratur der Mechitharisten (vgl. I, 
S. 33) und der aus modernem Geiste geborenen neu- 
armenischen Literatur des 19. Jahrhunderts durch zwei 
Erscheinungen abgelöst \sTirde, die bereits nicht mehr 
in den Rahmen der vorhegenden Darstellung fallen. 

1. Die vorislamische Zeit. — Ebensowenig als das- 
jenige in syrischer ist das literarische Leben in arme- 
nischer Sprache schlechthin eine Schöpfung des christ- 
lichen Gedankens. Kümmerhche Trümmer von alten 
Götter- und Heldenhedern lassen eine vielleicht recht 
bedeutsame Frühblüte desselben ahnen, die weit in die 
heidnische Zeit hinaufreichte. Das Christentum hat 
sogar zunächst die weitere Entfaltung dieser ältesten 
Keime nationaler Literatur keineswegs begünstigt. Seine 
Sprache ist vielmehr auf armenischem Boden fürs erste 
teils das Griechische, teils das Syrische gewesen. Ins- 
besondere seit der Reichsteilung im Jahre 387 sah sich 
die christliche Kultur in dem an das römische Reich ge- 
fallenen Teile Armeniens völlig hellenisiert. während die 
sassanidische Oberherrschaft in dem Reste des altarme- 
nischen Königsstaates aus politischen Gründen eine bis 
zum Verbote des Griechischen sich steigernde Allein- 
herrschaft der syrischen Kirchensprache begünstigte. 

Auch die in einer noch nicht völlig enträtselten Bilderschrift 
abgefaßten sog. hettitischen Inschriften Kleinasiens und des 
nördhchen Syriens sind von der sich mit ihnen beschäfti- 
genden neueren Forschung als Denkmäler eines noch auf einer 
älteren Entwicklungsstufe stehenden Armenischen ange- 
sprochen worden. Die erhaltenen Proben heidnischer Dich- 
tung verdanken wir dem Geschichtswerke des Mowses von 



Die vorislamische Zeit. 65 

CJhoren. Namentlich scheinen es Gesänge aus dem Mythen - 
kreise des feuergeborenen, drachenwürgenden Gottes Wahagn 
gewesen zu sein, die noch geraume Zeit nach der offiziellen 
Christianisierung Armeniens erklanf^en. Was dagegen an 
Resten einer angeblichen christlich-armenischen Literatur 
schon des 4. Jahrhunderts überliefert ist, war entweder ur- 
sprünglich nicht armenisch abgefaßt, oder es ist überhaupt erst 
in späterer Zeit entstanden. 

Nur allmählich begann man die geistige Fremdherr- 
schaft Syriens als einen lästigen Druck zu empfinden, und 
aus der Opposition gegen diesen Druck ist seit der Wende 
vom 4. zum 5. Jahrhundert, eine zielbewußte Tat nicht 
minder nationaler als religiöser Begeisterung, die Schöp- 
fung einer christlichen Literatur in der Volks- 
sprache hervorgegangen. König Wramsapuh (391 bis 
414) hat die Anfänge des großen Werkes durch seine 
fürstliche Gunst gefördert. Der Katholikos Sahak, der 
,, Parther" (397 — 440), lieh demselben die Autorität der 
Landeskirche. Die eigentliche Seele der Bewegung 
aber war Mesrop (f 441), der Schöpfer eines eigenen 
armenischen Alphabetes, das für deren siegreiches Durch- 
dringen unerläßlich war. 

Geboren zu Hazik, einem Dorfe des Distriktes Taron, 
war Mesrop gleich Sahak ein Schüler des vom ,,Erleuchter" 
Grigor abstammenden Katholikos Nerses des Großen (f 374). 
Unter Chosrow III. (388—392) hatte er die Würde eines 
Hofsekretärs begleitet, um alsdann sich ins Einsiedlerleben 
zurückzuziehen und späterhin als Missionar seine Kräfte in 
den Dienst der Ausbreitung und Befestigung des Christen- 
tums zu stellen. Seiner grundlegenden Erfindung auf dem 
Gebiete der Schrift sind längere Studien und manche frucht- 
lose Versuche vorangegangen, die ihn u. a. nach Edessa und 
Samosata führten und mit einer Mehrzahl gelehrter Griechen 
in Beziehung treten ließen, von denen besonders ein Rufanos 
als sein maßgebHcher Mitarbeiter genannt wird. 

War es von vornherein eine Befreiung von syrischer 
Bevormundung, was die Begründer des neuen Schrift- 
Baumstark, Christi. Literatur. II. 6 



66 I^ie armenische Literatur. 

tu ms anstrebten, so konnten sie bei ihren Bemühungen 
nur an Griechisches anknüpfen. Eine Schar begabter 
jüngerer Vertreter des armeniscben Klerus wurde daher 
in das griechische Sprachgebiet gesandt, um durch Stu- 
dien in Konstantinopel, Athen und Alexandreia sich zu 
einer systematischen Übertragung griechischen Literatur- 
gutes ins Armenisclie zu befähigen. Mit den führenden 
Meistern Sahak und Mesrop werden sie unter der Be- 
zeichnung der , .heiligen Übersetzer" zu einer ein- 
heitlichen Gruppe zusammengefaßt. Eznik von Kolb 
und Eghise (Eiisaeus), die im Jahre 449 als Bischöfe an 
einer Kirchenversammlung zu Artasat teilgenommen 
haben dürften, Jowhan Mandakuni, der, als Fünfund- 
siebzigj ähriger zu derselben erhoben, in den Jahren 480 
bis 487 die Würde des Katholikos begleitete, Dawith mit 
dem Beinamen „der Unbesiegte", Mowses von Choren und 
sein jüngerer Bruder Mambre sind als die hervorragend- 
sten Leuchten dieser Schule von Übersetzern zu nennen, 
die gleichzeitig sofort auch in originaler schriftstelle- 
rischer Produktion so Hohes leisteten, daß ihr Schaffen 
einen nie überschrittenen Höhepunkt literarischer Ent- 
wicklung bezeichnet. Die Zeit, in welcher, nachdem das 
arsakidische Königtum erloschen und ein letzter ruhm- 
voller Freiheitskampf der Armenier unter ihrem Feld- 
herrn Wardan in den Jahren 449 — 451 der persischen 
Übermacht gegenüber erfolglos geblieben war, alle poh- 
tischen Hoffnungen der Nation für Jahrhunderte be- 
graben werden mußten, ist so zur entscheidenden Blüte- 
zeit ihres geistigen Lebens geworden. 

Auf diese gewaltige Anspannung aller ELräfte folgte 
freihch im 6. und zu Anfang des 7. Jahrhunderts eine so 
vollständige Reaktion, daß es hätte scheinen können, als 
solle an den Untergang der nationalen Selbständigkeit 



Die Zeit der arabischen Herrschaft. 67 

bald auch derjenige der jungen christlich-nationalen 
Kultur und Literatur sich anschließen. 

2. Die Zeit der arabischen Herrschaft und des Bagra- 
tidenreiches. — Ein erstes Wiedererstarken der litera- 
rischen Tätigkeit fällt nicht von ungefähr in die Zeit in 
welcher die persische Herrschaft über Armenien durch 
die arabische abgelöst wurde. Wie für das ostsyrische, 
so bedeutete auch für das armenische Christentum die 
letztere im Vergleich mit der ersteren wesentlich eine 
Besserung seiner äußeren Lage. Aus dem Gegensatz zum 
Islam zog das religiöse, aus der Entschiedenheit, mit der 
man ungleich kräftiger und erfolgreicher, als dies seitens 
der Syrer und Kopten geschah, seine sprachliche und 
kulturelle Eigenart der arabischen gegenüber behauptete, 
das nationale Selbstbe^^Tißtsein des armenischen Volkes 
neue Stärke. Gleichzeitig erweiterten aber doch auch die 
gewaltigen poütischen Umwälzungen den geisigen Ge- 
sichtskreis, zumal, je mehr das Land zwischen dem by- 
zantinischen imd den Kalifenreiche die Rolle wieder 
übernahm, die es einst zwischen Rom und Iran ge- 
spielt hatte. 

Schon das 7. Jahrhundert hatte an Männern, wie 
Anania von Sirak, dem Erzbischof Mowses von Siun und 
Theodoros KJiethenawor, das 8. an einem Schüler des 
letztgenannten, dem Katholikos Jowhan IV. von Odsun 
(717 — 729), und seinem Zeitgenossen Stefannos von 
Siunikh wiederum Schriftstellerpersönlichkeiten von her- 
vorragender Bedeutung aufzuweisen. Trotz des dogma- 
tischen Gegensatzes, der seit der Verwerfung der Be- 
schlüsse des Konzils von Chalkedon durch die armenische 
zwischen den beiden Kirchen bestand, wurden die Be- 
ziehungen zur griechischen Welt immer engere. Ein 
griechischer Kirchenfürst armenischer Abstammung, der 

5* 



68 Die armenische Literatur. 

Bischof Johannes oder Wahan von Nikaia, der im Zeit- 
alter des Photios (858 — 891) ein Bindeglied zwischen 
griechischem und armenischem Christentum bildete, kann 
als ein besonders bezeichnender Zeuge dieser Beziehungen 
gelten. Eine erneute Blüte griechisch-armenischer Über- 
setzungstätigkeit, die durch gelegentliche Übertragungen 
auch aus dem Syrischen ergänzt wurde, war ihre natür- 
liche Folge. Die, wenn auch sehr bedingte, politische 
Selbständigkeit, welche das armenische Volkstum in dem 
Reiche der Bagratiden (vgl. I, S. 29) wiedererlangte, 
konnte seit dem Ende des 9. Jahrhunderts vollends die 
Entfaltung seines literarischen Lebens nur günstig be- 
einflussen. 

Unter einer Reihe von Klöstern, in welchen dieses 
Leben nunmehr seine eifrigste Pflege fand, ragt be- 
sonders dasjenige von Narek hervor. Einer seiner Vor- 
stände, mit Namen Anania, der mit diesem verwandte 
Bischof Chosrow ,,der Große" (f 972) und dessen jüngster 
Sohn Grigor (f 1003) sind die Hauptvertreter der hier 
herrschenden Studien- und Literaturtradition. Neben 
Grigor von Narek der bedeutendste Schriftsteller des 
Bagratidenzeitalters ist endlich ein jüngerer Namens- 
vetter desselben gewesen, der ferne der stillen Kloster- 
zelle kräftigen Anteil an den Welthändeln seiner Zeit 
genommen hat: Grigor, mit dem ihm vom byzanti- 
nischen Kaiserhofe verliehenen Titel Magistros genannt. 

Ein Sprosse des alten Adelsgeschlechtes der Pahlawunier, 
war Grigor Magistros um die Jahrtausendwende als Sohn eines 
Wassag geboren, der unter König Gagik I. (990 — 1020) das 
Oberkommando der Streitkräfte des armenischen Reiches 
geführt hatte. Auch er selbst hat hohe weltliche Würden und 
Ämter begleitet und ist als byzantinischer Statthalter von 
Mesopotamien gestorben, eine Stellung, in welche ihn im Zeit- 
alter der letzten vom christlichen Kaiserstaate des Ostens 



Das Zeitalter der Kreuzzüge; der Niedergang. 69 

gegen den Islam errungenen Waffenerfolge das Vertrauen des 
Kaisers Konstantinos Monomachos (1042 — 1054) berief. 

Das Leben des armenischen Schriftstellers in byzan- 
tinischem Staatsdienste führt bereits an die Schwelle 
einer neuen Epoche, in der wiederum große politische 
Umwälzungen, wie für das gesarate geschichtliche Leben 
des armenischen Volkes, so auch für seineLiteratur anders- 
artige Verhältnisse schufen. Es war die Überflutung 
Vorderasiens durch die Seldschuken, was dem Bagra- 
tidenreiche sein Ende bereitete. Sie hat die Armenier in 
Massen aus ihrem Stammlande nach Südwesten getrieben, 
wo in Kilikien, unabhängig von der byzantinischen Vor- 
mundschaft, « in welche das Bagratidenreich aus der ara- 
bischen lediglich gelangt war, das kleinarmenische Reich 
des Zeitalters der Kreuzzüge erstand, das für die 
diesem Zeitalter eigentümliche zweite Hochblüte ar- 
menischer Literatur den wesentHchen Schauplatz ab- 
geben sollte. 

3. Das Zeitalter der Kreuzzüge; der Niedergang. — 
Die literarische Entwicklung des neuen, in dem Reiche 
der Rubeniden und Lusignans pohtisch wieder- 
geborenen Axmeniertums vollzog sich in zwei wesentlich 
verschieden orientierten Stufen. Während man sich 
staatlich vom byzantinischen Imperium unabhängig 
machte, bUeb zunächst der Blick der im geistigen Leben 
die führende Stellung einnehmenden Männer der Kirche 
noch so entschieden als jemals nach der Seite des Grie- 
chentums gerichtet. Geradezu eine Union mit der grie- 
chischen Kirche wurde im 12. Jahrhundert von den Ober- 
häuptern der armenischen angestrebt, die seit dem Jahre 
1147 hauptsächlich die südlich vonSamosata am rechten 
Euphratufer gelegene Feste Rom-Klah zum Sitze hatten. 
Nerses mit dem Beinamen Snorhali („der Anmutige") 



70 E)i6 armenische Literatur. 

ist der literarisclie Hauptvertreter dieser nach der griechi- 
schen Seite hinblickenden Richtung, eine Persönlich- 
keit, die zugleich für die gesamte neue Literatur eine 
Stellung einnimmt, welche nur mit der von Mesrop für die 
alte behaupteten verglichen werden kann. Ein Jowhan, 
„der Diakon" (t 1129), Nerses' älterer Bruder, der Katho- 
Hkos Grigor IIL (1113—1166), sein Neffe, der Katholikos 
Grigor TV. (1173 — 1193), sein gleichnamiger Schwester- 
sohn Nerses von Lambron (f 1196) und Mechithar Gos 
(f 1207) sind die wichtigsten Erscheinungen eines Schrift- 
stellerkreises, in dessen Mittelpunkt der sie alle Über- 
ragende stebt. 

Wieder dem Gesclilechte der Pahlawunier entsprossen, 
hatten der im Jahre 1094 zur Welt gekommene Grigor und der 
im Jahre 1102 geborene Nerses zum gemeinsamen Lehrer in den 
Wissenschaften einen Stefannos mit dem Beinamen,, der Junge" 
gehabt, der bereits ein erster hervorragender Vertreter der 
neuen Zeit gewesen zu sein scheint. Seit der Erhebung Grigors 
zur höchsten kirchHchen Würde ist Nerses der unzertrenn- 
hche Gefährte, der treue Berater und Gehilfe seines Bruders 
gewesen, um nach dem Tode desselben ihm, dem dritten der 
armenischen Oberbischöfe seines Namens, in jener Würde 
nachzufolgen. Aber schon im Jahre 1173 hat auch ihn der Tod 
abgerufen. Während bereits Grigor III. zuerst vielmehr mit 
der durch die Kreuzfahrer in Palästina aufgerichteten latei- 
nischen Hierarchie in freundschafthche Fühlung getreten war, 
an der Ostersynode des Jahres 1140 zu Jerusalem (vgl. I, S. 32) 
teUgenommen und eine Gesandtschaft an Papst Eugen IIL 
geschickt hatte, nahm die Kirchenpohtik des Brüderpaares 
späterhin die entschiedenste griechenfreundliche Richtung. 
Insbesondere bheb die kirchliche L'nion mit den Griechen das 
von Nerses unentwegt im Auge behaltene Ziel, dessen Er- 
reichung er auch literarisch in einer Mehrzahl von Briefen an 
den Kaiser Manuel Komnenos (1143 — 1180), dessen Schwieger- 
sohn Alexios, den konstantinopolitanischen Patriarchen 
^Michael und seinen eigenen armenischen Klerus angestrebt 
bat. Seine Bemühungen in diesem Sinne hat Grigor IV. 
fortgesetzt, der im Jahre 1179 zur Anbahnung der erstrebten 



Das Zeitalter der Kreuzzüge; der Niedergang. 71 

Uaion ein berühmt gewordenes Nationalkonzil nach Rom- 
Klah berief. 

Ihrem formalen Charakter nach handelte es sich bei 
der im Kreise des Nerses Snorhah gepflegten literarischen 
Tätigkeit fast ausschließlich um ein zeitfremdes klassi- 
zistisches Schrifttum. Für die hochgebildeten Kirchen- 
fürsten desselben waren noch immer die Meister des 
5. Jahrhunderts das maßgebliche sprachhche und stili- 
stische Vorbild. Daß die lebendige Rede des Volkes seit 
dem Zeitalter der Begründung des christlich-armenischen 
Schrifttums tiefgehende Veränderungen durchgemacht 
hatte, blieb von ihnen im allgemeinen unberücksichtigt. 
Nur ganz ausnahmsweise gebrauchte wohl schon der eine 
oder andere dieser Männer auch einmal statt des zur 
toten Gelehrten- und Liturgiesprache gewordenen Idioms 
der Vorzeit die lebende Vulgärsprache der Gegenwart. 
Es bedeutete auch keinen radikalen Bruch der Literatur 
mit dieser klassizistischen Richtung, als seit dem Aus- 
gang des 12. Jahrhunderts das kleinarmenische Reich in 
den innigsten Zusammenhang mit der fränkischen Kultur 
der Kreuzfahrer trat, die kirchliche Union mit dem 
abendländischen Katholizismus statt derjenigen mit der 
griechischen Orthodoxie Tatsache wurde und der Hori- 
zont armenischen Geistes eine noch unverhältnismäßig 
größere und bedeutsamere Erweiterung erfuhr, als sie 
ihm einst in den Tagen der mohammedanischen Erobe- 
rung Vorderasiens zuteil geworden war. Die Gelehrten- 
literatur alten Stiles fand auch auf dem Boden der 
neuen Verhältnisse an Männern des 13. Jahrhunderts, 
wie Jowhannes mit dem Beinamen Wanakan (,, Mönch"), 
dessen Schüler Wardan ,,dem Großen" (t 1271) und Jow- 
hannes von Erznka noch einige bedeutendere Vertreter. 
Aber neben dem Einflüsse, den nunmehr in einer neuen 



72 I^ie armenische Literatur. 

Ubersetzungsliteratur aus dem Lateinischen das Abend- 
land gewinnt, ja auf die Dauer und im tiefsten Grunde 
der Dinge noch mehr als dieser ist es doch ein zunehmen- 
des Erstarken volkstümlicher Art, was dem armenischen 
Schrifttum seit dem Anfange des neuen Jahrhunderts 
seine Signatur verleiht. Zumal den Niedergang und die 
endliche Auflösung des kleinarmenischen Reiches im 
14. Jahrhunderts hat als eine lebensvolle hterarische 
Macht wesentlich nur die neue in der Sprache des 
Volkes redende Literatur überdauert. Während in 
seiner vielseitigen theologischen Schriftstellerei der im 
Jahre 1340 geborene Grigor von Tathew (f 1410), erfüllt 
von einer sich zur Flamme fanatischen Hasses steigernden 
Glut nationaler und konfessioneller Begeisterung, als der 
Exponent einer gewaltsamen Reaktion gegen die von 
abendländischem Kirchentum errungenen Erfolge er- 
scheint, denen die nicht zuletzt auch Hterarisch tätigen 
Unitoren bleibende Dauer zu sichern sich bemühten, 
begann als wertvollster Teil der volkstümlichen Literatur 
eine völlig neuartige Poesie sich zu entwickeln, deren viel- 
fach sehr weltliche Richtung in einem merkwürdigen 
Gegensatze zum geistlichen Stande der Dichter steht. Bis 
in das 16. Jahrhundert reicht die Blüte, bis in das 18. die 
Reihe wenigstens einzelner Vertreter dieser aus den 
Tiefen der Volksseele geborenen Liederkunst, die in ähn- 
hcher Weise zu der Sphäre modernen neuarmenischen 
Schrifttums überleitet, wie umgekehrt die Gelehrten- 
tätigkeit der Mechitharisten zum besten Teile einer liebe- 
vollen philologischen Pflege der reichen Schätze des alt- 
armenischen gewidmet ist, das zu einem mehr als künst- 
lichen Leben wiederzuerwecken indessen auch ihr ver- 
sagt bleiben mußte. 



Bibel und Apokryphen. 73; 

b. Die einzelnen Literaturgebiete. 

Für die Erhaltungsverhältnisse der armenischen 
Literatur ist es ira höchsten Grade günstig gewesen, daß- 
sie im Gegensatz zu den Kirchenliteraturen der verschie- 
denen s}Tischen Konfessionen von jeher den Ausdruck 
des geistigen Lebens eines fest in sich geschlossenen Volks- 
körpers bildete, der als solcher — in seinen äußeren 
Schicksalen doch weit glücklicher als das aramäische 
Christentum — auch die letzte ihm bisher vorbehaltene 
Form staatUchen Eigenlebens überdauert hat, um all- 
mähhch in die moderne Kultur hineinzuwachsen. Noch 
weniger als der syrischen gegenüber kann daher hier im 
Rahmen eines kurzgefaßten Überblickes daran gedacht 
werden, der Gesamtmasse alles Erhaltenen auch nur in 
der Form einer bloßen Registrierung gerecht zu werden, 
und um so eher wird auf das Streben nach einer der- 
artigen Vollständigkeit verzichtet werden dürfen, als dem 
armenischen Schrifttum in Vordereuropa bislang noch 
ein geringeres Interesse entgegengebracht wurde als dem 
s}Tischen. 

1. Bibel und Apokryphen. — Die Schaffung eines 
armenischen Bibeltextes war naturgemäß das erste 
Unternehmen, an welches Sahak, Mesrop und ihre 
Schüler heranzutreten sich beeilten, nachdem an einer 
einheimischen Schrift das sachgemäße äußere Kleid 
für eine christlich-armenische Literatur gewonnen war. 
Näherhin war es die Übersetzung des alttestamentlichen 
Buches der Sprichwörter, was zuerst in den neuerfun- 
denen Schriftzeichen geschrieben wurde. Als Vorlage- 
der ältesten, schon etwa ums Jahr 410 vollendeten Ge- 
stalt der armenischen Bibel hat dabei noch der syrische 
Text der Pesittä gedient. Erst nach 431 gelangte man in. 



74 Die armenische Literatur. 

den Besitz einer verläßlichen griechischen Handschrift 
beider Testamente, auf Grund deren nun, allerdings nicht 
ohne jede Berücksichtigung des ersten aus dem Sy- 
rischen geflossenen Textes, erst die endgültige Über- 
setzung der heiligen Schriften erfolgte, die für das Alte 
Testament mithin wesenhaft auf der Septuginta, für das 
Neue wohl auf eine in Ägj^ten heimische Rezension des 
Urtextes zurückgeht. Die dem hebräischen Kanon 
fremden Bücher des griechischen Alten Testaments mit 
Einschluß auch des dritten, aber nicht des vierten Mak- 
kabäerbuches sind frühestens bei dieser Neuübersetzung 
Bestandteile der armenischen Kirchenbibel geworden. 
Ein Anhang derselben umfaßt eine bescheidene Reihe 
apokrypher Stücke, so vor allem das vierte Ezrabuch, 
den aus den alten Paulusakten stammenden Briefwechsel 
des Apostels Paulus mit den Korinthern und das viel- 
leicht vom Verfasser der ..Didaskalia der Apostel" selbst 
herrührende, jedenfalls durch ihn erstmals bezeugte 
Gebet des Königs Manasse. 

Nicht weniges weitere Apokryphengut ist in der 
armenischen Kirche wohl seit recht früher Zeit bekannt 
gewesen, ohne von ihr gleich hoch eingeschätzt zu werden. 
Doch scheint hier kaum etwas wirklich Bedeutenderes 
sich erhalten zu haben, das nicht irgendwie auch ander- 
weitig überliefert wäre. 

An stofflich Alttestamenthchem verdient neben einer 
Mehrzahl armenischer Adamschriften und einem Texte der 
Legende von Joseph und Aseneth vor allem etwa eine kürzere 
armenische Rezension des in seinem Grundstock eine ur- 
sprünglich hebräisch abgefaßte jüdische Apokalypse aus der 
Zeit des Joannes Hyrkanos (135 — 104 v. Chr.) darstellenden 
„Testaments der zwölf Patriarchen" Hervorhebung, welche 
der längeren griechischen zur Seite tritt. Zu einer armenischen 
Version des ,,Protoevangeliums des Jakobus" bildet eine 
solche der Erzählung von Mariae Heimgang ein Gegenstück. 



Liturgie und Gebetsliteratur. 75 

Eine Sammlung armenischer Apostelakten berührt sich in 
ihrem Bestände eng mit der in arabischer und äthiopischer 
Überliefenmg vorliegenden. Eine „Lehre der Apostel" ist 
identisch mit der in syrisch-nestorianischer Überlieferung als 
Kanones zweier Apostelkonzile sich einführenden Schrift. 

2. Liturgie und Gebetsliteratur. — Nächst derjenigen 
eines nationalen Bibeltextes war es die Schaffung einer 
nationalen Liturgie, was für den Kreis Sahaks und 
Mesrops im Vordergrunde des Interesses stand. Der bis 
zum Anfang des 5. Jahrhunderts im nichtrömischen 
Armenien gefeierte syrische Gottesdienst ist dabei dem 
neuen in der Volkssprache zu begehenden nicht gewichen, 
ohne zweifellos denselben tiefgehend zu beeinflussen. 
Im allgemeinen hat aber die liturgische Reform sich in 
möglichst strengem Anschluß an griechische Vorbilder 
vollzogen. Insbesondere "vsoirde für die eucharistische 
Feier zunächst in einer wegen ihres Alters für die Text- 
geschichte des Originals grundlegenden Übersetzung das 
im nahen kappadoldschen Kaisaieia heimische For- 
mular der späteren byzantinischen Basileiosliturgie über- 
nommen. Nicht minder enthält einzelne noch heute 
auch im griechischen Ritus gebräuchliche Gebetstexte 
das auf Grund der Arbeiten des 5. Jahrhunderts in maß- 
geblicher Weise allerdings erst in der zweiten Hälfte des 
9. durch den Katholikos Mastotz (t 897) redigierte mid 
nach ihm benannte Rituale, dessen sich die armenische 
Kirche bei Spendung der Sakramente, bei Weihen und 
Segnungen bedient. 

Aus dem Griechischen wurden auch die aus Konstan- 
tinopel stammende Chrysostomosliturgie und das Formular 
der byzantinischen Praesanctificatenmesse übertragen, wäh- 
rend von zwei Übersetzungen aramäischer Meßformulare vor 
allem diejenige der Jakobushturgie an die ursprüngliche Be- 
deutung syrischer Liturgie auf armenischem Boden erinnert. 
Einige weitere eucharistische Formulare dürften als arme- 



76 Die armenische Literatur. 

nische Originalschöpfungen zu betrachten sein, wie denn eines 
derselben geradezu auf Sahak als Verfasser zurückgeführt wird. 
Seit dem 13. Jahrhundert hat auch die römisch-abendlän- 
dische Messe, besonders in der Spezialform des Ordensritus 
der Dominikaner, einen Einfluß auf die armenische gewonnen, 
der seinen weitestgehenden Ausdruck in einer zu praktischem 
Gebrauche zugerichteten Übersetzung auch ihres unver- 
änderlichen Gerippes fand. Diejenigen armenischen Meß- 
gebete, welche, bald Chrysostomos, bald Athanasios zuge- 
schrieben, endgültig zur Vorherrschaft gelangten, stellen eine 
Mischung ostsyrischer und byzantinischer Elemente dar, als 
deren wirkhcher Urheber bereits um die Wende vom 10. zum 
11. Jahrhundert Jowhan Mandakuni namhaft gemacht wurde. 
Ebenderselbe soll nächst Sahak den hervorragendsten Anteil 
an der Schaffung der späterhin von Mastotz in seinem Rituale 
vereinigten Formulare genommen haben. Scheinbar sehr 
genaue, aber alles eher als ohne weiteres glaubhafte Angaben 
über deren nähere Herkunft macht eine unter der Flagge des 
alten Mowses von Choren dem Werke vorangesetzte Über- 
sicht über die Geschichte seiner Entstehung. Denselben zu- 
folge würde es sich auch hier fast durchgängig um Über- 
setzungen aus dem Griechischen handeln. Doch vermögen 
wir diesen Sachverhalt nur mehr vereinzelt, so bei einigen 
Gebeten der Tauf- und BegräbnisUturgie und bei den Haupt- 
texten der feierlichen Wasserweihe am Epiphaniefeste, mit 
Sicherheit als wirklich vorhegend zu erkennen. Durch die 
Aufschlüsse, welche es über den frühchristhchen Gottesdienst 
Jerusalems vermittelt, gewinnt eine hervorragende Bedeutung 
schheßhch das altarmenische Lektionar, dessen Anordnung 
der an den einzelnen Tagen des Kirchenjahres zu verwen- 
denden biblischen Texte ins spätere 5. Jahrhudert hinauf- 
reichen muß. 

Auch das kirchliche Tagzeitengebet der Armenier soll 
schon in der Zeit der ersten Begründung einer christlichen 
Nationalliteratur geregelt worden sein und der Grund- 
stock zunächst seiner Prosatexte mit den Namen Sahaks, 
Mesrops und Jowhan Mandakunis in Zusammenhang 
gebracht werden dürfen. Doch wird als Urheber seiner 
morgendlichen Höre „des Sonnenaufgangs" ausdrücklich 



Die gelehrte Übersetzungsliteratur. 77 

erst der im Jahre 629 zu dieser Würde erhobene Katho- 
likos Ezr bezeugt, und eine ihm nach der Vesper eigen- 
tümliche Abendhore ,,des Friedens" war ihm noch im 8., 
eine erst nach dieser zu betende Komplet sogar noch 
im 10. Jahrhundert fremd. Einzelne Gebetstexte werden 
selbst erst bestimmten Verfassern der Zeit Nerses Snor- 
halis beigelegt. Dieser selbst hat die armenische Ge- 
betsliteratur vor allem um einen nach den 24 Tages- 
stunden in ebensoviele Abschnitte geteilten umfang- 
reichen Text bereichert, der nicht sowohl dem litur- 
gischen Ausdruck der Gemeindefrömmigkeit zu dienen, 
als vielmehr in der Gebetsform dem persönhchen reli- 
giösen Denken und Empfinden des Autors Worte zu 
leihen bestimmt ist. In ähnlicher Richtung war ihm 
Jowhan der Diakon und vor allem Grigor von Narek mit 
seiner 95 Nummern umfassenden Sammlung von Ge- 
beten in poetisch erhöhter Prosa vorangegangen, wohl 
dem großartigsten Denkmal einer in glühender Inbrunst 
sich verzehrenden persönlichen Frömmigkeit, das sich 
in irgend einer christHchen Literatur des Ostens er- 
halten hat. 

3. Die gelehrte Übersetzungsliteratur. — Nicht nur 
der Bibel und der Liturgie hat die Übersetzungstätigkeit 
schon des 5. Jahrhunderts sich zugewandt. Dawith, der 
Vertreter philosophischer Studien im Kreise der 
,, Übersetzer" hat eine Reihe von Aristotelischen Schriften 
{KaTr]yogica, tteoI egjinjVEiag, "Ava/.vriy.fi, Tieol y.ooiiiov 
rrgog 'A/x^avÖoov, tteol äpeicor) samt der „Einleitung" 
des Porphyrios, ein Unbekannter die Grammatik des 
Dionysios Thrax übertragen, wodurch für die Schulphilo- 
sophie und den grammatischen Studienbetrieb der arme- 
nischen Christenheit die bleibenden Grundlagen ge- 
schaffen wurden. Vor allem aber eignete man sich zum 



78 Die armenische Literatur. 

kleineren Teile aus dem S}Tisclien, in der Hauptsache 
dagegen wieder aus dem Griechischen durch Übersetzung 
eine gewaltige Literaturmasse an, die in entsprechender 
Weise für die armenische Theologie der Folgezeit 
grundlegend geworden ist, und es haben sich die Früchte 
dieses Übersetzungseifers für eine Eeihe von Literatur- 
denkmälern ersten Ranges erhalten, die im Originale 
untergegangen sind, so für eine Mehrzahl von Werken, 
Philons, des Klassikers der hellenistisch-jüdischen Philo- 
sophie, für eine Schrift des hl. Irenäus von Lyon zum 
„Erweise der apostolischen Verkündigung" {eig inid^i^iv 
Tov dnoGTo/.ty.ov y.rjovyurnos) und für die Kommentare 
Aphrems des Syrers zum Diatessaron des Tatianos und 
den Paulusbriefen. 

Von Schriften Phüons haben sich durch altarmenische 
Übersetzungen sechs Bücher ,, Fragen" [Zi]Ty)u.axa y.al /.voeig) 
über die zwei ersten Bücher Mosis, Abhandlungen über die 
Vorsehung, die Tierseele, Samson, Jonas und die drei dem 
Abraham erschienenen Engel gerettet. Aus dem SjTischen 
wurden neben Werken Aphrems vor allem die Abhandlungen 
Aphrähäts übertragen, die im armenischen Texte irrtümhcher- 
weise Aphrems Lehrer Ja'qübh von Xisibis beigelegt werden. 
Auch einzelne Denkmäler der frühchristhch-griechischen Lite- 
ratur wie die Ignatiosbriefe haben ihren Weg ins Armenische 
durch die ZT\i3chenstufe des Syrischen genommen. Die Haupt- 
masse des schon in ältester Zeit unmittelbar aus dem Grie- 
chischen übernommenen theologischen Schrifttums umfaßte 
nächst einzelnen Stücken von Gregorios dem ,, Wundertäter", 
Dionysios von Alexandreia, Eusebios, Timotheos und Theo- 
philos von Alexandreia, Severianus von Gabala, Epiphanios 
und Proklos von Konstantinopel vor allem einen großen Teil 
des literarischen Nachlasses der drei großen Kappadokier und 
des Chrysostomos sowie die asketischen Schriften des Pontiers 
Euagrios und des älterenXeüos. Für das Verhältnis der christ- 
lichen Kultur Armeniens zu Jerusalem und Alexandreia ist 
es bezeichnend, wenn in dieser Literaturschicht auch eine Über- 
setzung der sonst im nichtgriechischen Orient kaum bekannt 
gewordenen Katechesen des Kyrillos von Jerusalem und be- 



Die gelehrte Hbcrsetzungsliteratur. 79 

sonders zahlreiche Übertragungen von Werken des Athana- 
sios begegnen. 

Die spätere Übersetzungstätigkeit namentlich des 
8. bis 11. Jahrhunderts hat teilweise den Kreis der den 
Armeniern bekannten griechischen Theologen noch er- 
weitert, teils ihre Bekanntschaft mit den ihnen schon 
seit dem 5, Jahrhundert vertrauten durch Übertragung 
weiterer Teile des Nachlasses derselben vervollständigt, 
wobei meist die griechischen Originale selbst, vereinzelt 
aber auch wieder ältere syrische Übersetzungen zugrunde 
gelegt wurden. Als bedeutendere Übersetzerpersönlich- 
keiten dieser jüngeren Epoche erscheinen Stefannos von 
Siunikh und Grigor Magistros, welch letzterer mit Über- 
tragungen Platonischer Dialoge und der geometrischen 
,, Elemente" des Eukleides in hervorragender Weise auch 
wieder das Gebiet profanwissenschaftlicher Übersetzungs- 
literatur anbaute. Ja noch Nerses von Lambron hat im 
12. Jahrhundert die Traditionen griechisch-armenischer 
Übersetzungskunst weitergepflegt, daneben allerdings 
auch aus dem Syrischen und bereits aus dem Lateinischen 
übertragen. 

Aui Stefannos von Siunikh gehen vor allem die Über- 
setzungen der vorgebhchen Werke des Areiopagiten Dionysios 
mit dem Kommentare Maximos' des „Bekenners" und zahl- 
reicher Schriften auch des Alexandriners Kyrillos zurück. Von 
anderen griechischen Theologen, deren Nachlaß erst in späterer 
Zeit den Armeniern bekannt geworden sein dürfte, ja bekannt 
werden konnte, sind Theodotos von Agkyra, Hesychios voa 
Jerusalem, Johannes Klimakos, Johannes von Damaskus und 
Andreas von Kreta zu nennen. Daß auch die an die arme- 
nische Kirche gerichteten Sendschreiben konstantinopohta- 
nischer Patriarchen wie Germanos und Photios alsbald eine 
Übersetzung ins Armenische erfuhren, ist selbstverständlich. 
Bei dem, nicht eben umfangreichen, Nachlaß Wahans voa 
Nikaia bleibt es fraglich, ob Griechisch oder Armenisch als- 
die Originalsprache zu betrachten ist. 



:80 I^ie armenische Literatur. 

Seit dem Ausgange des 12. Jahrhunderts haben end- 
lich die syrisch-armenische und die griechisch- arme- 
nische Übersetzungsliteratur in unierten Kreisen eine 
Ergänzung noch durch eine lateinisch-armenische er- 
iahren. Nicht nur wurden im 14. Jahrhundert zunächst 
lateinisch abgefaßte Schriften der Unitoren wie die- 
jenigen ihres Stifters Bartholomäus und eines Aragonesen 
Petrus, um überhaupt ihren Zweck einer Einwirkung auf 
■die armenische Welt erreichen zu können, in die Sprache 
derselben übersetzt. Auch die Dialoge Papst Gregors 
•d. Gr., die Benediktinerregel, Werke des Beda Venera- 
bilis, Albertus Magnus und Thomas von Aquino erlebten 
nunmehr eine Übertragung ins Armenische, während der 
unmittelbare Zusammenhang mit dem Griechentum 
derartig unterbunden war, daß für eine im 13. Jahr- 
hundert entstandene Übersetzung von Stücken des Neu- 
platonikers Proklos sogar das MittelgUed einer geor- 
gischen als Vorlage dienen mußte. 

4. Theologie. — Die theologische Originalliteratur 
eröffnet eine in hohem Grade bedeutsame Erscheinung 
an dem Werke Ezniks von Kolb ,, Wider die Sekten", 
•einer in vier Teile gegliederten Verteidigungsschrift des 
rechtgläubigen Christentums, die sich, die persönliche 
Eigenart des Verfassers scharf hervortreten lassend, in 
mehrfach mustergültiger Weise gegen die Grundanschau- 
ungen des ihm bekannten Heidentums, den persischen 
Duaüsmus mit Einschluß der manichäischen Lehre, die 
verschiedenen Systeme griechischer Philosophie und das 
gnostische Christentum Markions wendet. Im 7. und 
•8. Jahrhundert hat der doppelte Kampf gegen die 
schwärmerische Sekte der Paulikianer und um die end- 
gültige Fixierung des christologischen Dogmas der arme- 
nischen Kirche, seit dem 13. Jahrhundert der Gegensatz 



Theologie. 81 

zwischen Uiiierten und altgläubigen Monophysiten zu 
einer Erneuerung des hier angeschlagenen polemischen 
Tones Anlaß gegeben. 

Neben der paulikianischen Ketzerei hat in der ersten Zeit 
der arabischen Herrscliaft vor allem eine extreme Über- 
spannung der Christologie des Julianos von Halikarnassos 
(vgl. I, S. 22 f.) Armenien religiös beunruhigt, die an einem 
Jowhan Majragomi und dessen Schüler Sargis ihre Haupt - 
Vertreter gehabt zu haben scheint. Die anscheinend um die 
Wende vom 7. zum 8. Jahrhundert entstandene Streitschrift 
eines Katholikos Sahak gegen die Zweinaturenlehre, Arbeiten 
des Jowhan von Odsun gegen die Paulikianer und jene ex- 
tremen Julianisten und das Korpus unter dem Namen eines 
Zeitgenossen des letzteren, Chosrowik, überlieferter Abhand- 
lungen sind die bedeutendsten unter den erhaltenen Denk- 
mälern der von solcher Doppelgefahr ausgelösten Kampf- 
literatur orthodoxer Theologie. Durch eine heftige Polemik 
gegen die Griechen hat sich dagegen im 11. Jahrhundert ein 
Polos von Taron einen Namen gemacht. Über polemische 
Brief litera tu r vgl. unten S. 87 f. 

Gleichaltrig mit der theologischen Streitliteratur ist 
im Gesamtrahmen der armenischen Theologie die geist- 
liche Beredsamkeit, die in demselben eine so hervor- 
ragende Stellung einnimmt, wie sonst nirgendwo im nicht - 
griechischen christhchen Orient. Auch der Erklärung der 
Liturgie haben armenische Gottesgelehrte wenigstens 
verhältnismäßig frühzeitig ihre Aufmerksamkeit zuge- 
wandt, und im Laufe der Jahrhunderte ist auf diesem Ge- 
biete eine Reihe Hturgiegeschichtlich in hohem Grade 
wertvoller Schriften erwachsen. 

Als die klassischen Meister des Predigtwortes im 5. Jahr- 
hundert erscheinen Jowhan Mandakuni und Mambre, jener 
durch die Gewalt eindrucksvollster Redekunst erschütternd, 
dieser gewinnend durch den Reiz schlichtester, einfacher 
Schönheit seiner Darlegungen. Auf dem Spezialgebiete ins- 
besondere der Lobrede auf das Kreuz Christi und die Heihgen 
und der Festpredigt auf bestimmte einzelne Hochfeste des 
Baumstark, Christi. Literatur. II. 6 



32 Die armenische Literatur. 

Kirchenjahres haben sich Stücke aus dem literarischen Nach- 
lasse Dawiths des „Unbesiegten", Grigors von Narek, Jow- 
hannes' von Erznka bzw. aus demjenigen Nerses' von Lambron 
eine überragende Wertschätzung gesichert. Von Synodal- 
reden erfreuen sich einer solchen seit alters die von Jowhan 
von Odsun auf einer Kirchenversammlung zu Dwin im Jahre 
719 gehaltenen und diejenige, mit welcher auf dem Konzil von 
Rom-Klah Nerses von Lambron zu dem Problem der griechisch- 
armenischen Union Stellung nahm. Eine große Predigten- 
sammlung für das ganze Kirchenjahr ist eines der Haupt- 
werke Grigors von Tathew. Die Reihe armenischer Liturgie- 
erklärer eröffnet gegen Ende des 7. Jahrhunderts ein Bischof 
Grigor ASaruni. Seinem Beispiele sind mit einer Erklärung 
besonders des kirchlichen Tagzeitengebetes Jowhan von Od- 
sun, mit einer Meß- und einer Breviererklärung Chosrow der 
Große und sein Zeitgenosse Samuel von Kamercatsor gefolgt. 
Liturgieerklärungen des Nerses von Lambron und Grigor von 
Tathew bringen hier die literarische Entwicklung zum Ab- 
schluß, wenn anders wir von Erklärungen einzelner besonders 
gefeierter Lieder des Hymnenbuches der armenischen Kirche 
absehen, wie sie sich unter dem Namen Jowhannes Wanakans 
und Wardans erhalten haben. 

Bezüglich der Bibelerklärung scheint man sich 
lange vorwiegend mit den einschlägigen Übersetzungen 
aus dem Syrischen und Griechischen zufrieden gegeben 
zu haben. Die selbständige literarische Produktion ge- 
hört hier zum weitaus größten Teile erst der mit dem 
12. Jahrhundert einsetzenden Zeit der Nachblüte an und 
auch jetzt blieb man sachlich in hohem Grade von grie- 
chischen Vorbildern abhängig, unter denen Chryso- 
stomos den ersten Platz einnahm. Aber zu der Form 
des bloßen Kettenkommentares ist die armenische Exe- 
gese andererseits kaum je herabgestiegen. Ein sie von 
den späteren syrischen Bibelerklärern vorteilhaft unter- 
scheidendes Maß schriftstellerischer Eigenart und min- 
destens formalen Verdienstes haben ihre Vertreter durch- 
weg sich zu wahren gewußt. Damit hängt es zusammen. 



Theologie. 33 

daß man auf fortlaufende Kommentierung des gesamten 
biblisciien Textes oder doch eines der beiden Testamente 
verzichtete und dafür um so eingehender die Erläuterung 
einzelner biblischer Bücher durchzuführen liebte. 

Aus der klassischen Literaturperiode des 5. Jahrhunderts 
sind an originalen exegetischen Arbeiten nur Erklärungen 
EghiSes zum ersten Buche Mosis, den Büchern Josua und der 
Richter, aus dem 9. Jahrhundert die Kommentare eines 
Hamam Areveltzi (des „Orientalen") zum 38. Kapitel des 
Buches Hiob und zu den Salomonischen Sprichwörtern, aus 
dem 10. diejenigen Grigors von Narek zu demselben Kapitel 
des Hiobbuches und zum Hohen Liede, aus dem 11. derjenige 
eines Anania von Sanahin zu den Paulusbriefen zu nennen. 
In der Folgezeit hat auch auf dem Gebiete der Exegese Nerses 
Snorhah eine führende Stellung vermöge seines Kommentares 
zu den kathohschen Apostelbriefen und eines solchen zum 
Matthäusevangehum eingenommen. Über der Arbeit an dem 
letzteren, der sich besonders eng an Chrysostomos anschließt 
und umgekehrt seinerseits die Grundlagen eines entsprechenden 
Werkes des Jowhannes von Erznka wurde, ist er gestorben^ 
Von zwei Männern, die in ihrer Jugend seine Mitschüler ge- 
wesen waren, Ignatios und Sargis, hat der erstere einen Kom- 
mentar zum LukasevangeHum, der andere gleichfalls eine 
Erklärung der kathohschen Briefe hinterlassen. Psalter» 
Weisheitsbücher und kleinere Propheten bilden den Gegen- 
stand exegetischer Arbeiten seines Schwestersohnes Nerses 
von Lambron, während unter denjenigen Mechithar Goös ein 
Kommentar zum Propheten Jeremias die hervorragendste 
Stelle einnimmt. Ein solcher zum Hiobbuche ist das bedeu- 
tendste erhaltene Werk des Jowhannes Warakan. Erklärungen 
des Pentateuchs, des Psalters, des Hohen Liedes und des 
Buches Daniel sind unter dem Namen Wardans überhefert, 
ohne daß es als ausgemacht gelten könnte, daß hier in der Tat 
durchweg Arbeiten eines und desselben Verfassers vorhegen. 
Ein gleichfalls dem 13. Jahrhundert angehörender G rigor von 
Skevra ist der Urheber eines Kommentars zum Propheten 
Isaias. Grigor von Tathev hat außer Psalter, Hiob, dem Pro- 
pheten Isaias und den Evangehen nach Matthäus, Lukas und 
Johannes noch einmal die ganze Reihe der ,, Salomonischen"- 
Weisheitsbücher kommentiert, mit denen sich die armenische 

6* 



84 Die armenische Literatur. 

Exegese mit einer unverkennbaren Vorliebe beschäftigte. 
Endlich wurde je ein Kommentar zu den Perikopen des alt- 
armenischen Lektionars bereits im 7. Jahrhundert durch 
Grigor Äsaruni und spätestens im 11. durch einen Samuel 
abgefaßt. 

Wie der armenischen Theologie umfassende Gesamt- 
kommentare zur Bibel fremd sind, so ist sie auch von der 
systematisch-enzyklopädischen Richtung unberührt ge- 
blieben, die für das jüngere theologische Schrifttum in 
syrischer und arabischer Sprache bezeichnend ist. Dem 
Einflüsse islamischer Wissenschaft, den jene Richtung 
auf dem christhchen Boden bekundet, hat die armenische 
Kultur sich im Gegensatz zum christlichen Syrien und 
Ägypten nicht geöffnet. 

5. Profanwissenschaftliche Literatur. — Auch auf dem 
Gebiete weltlicher Wissenschaft hegt die Stärke des ar- 
menischen Geistes und seines literarischen Ausdruckes 
mehr im Einzelnen als in der systematischen Erfassung 
der gesamten dem menschUchen Erkenntnisdrange sich 
darbietenden Welt von Problemen. Eine der syrischen 
ebenbürtige armenische Philosophie ist trotz der Über- 
setzung philosophischer Texte aus dem Griechischen 
nicht zur Entwicklung gelangt. Eine noch im 15. Jahr- 
hundert durch einen Bischof Arakhel von Siunikh zum 
Gegenstande eines Kommentars gemachte Original- 
arbeit Dawiths des ,, Unbesiegten" über philosophische 
Definitionen, die sogar eine Übertragung ins Griechische 
«rfuhr, ist eine wesentKch vereinzelte Erscheinung ge- 
blieben. In seiner Art Achtunggebietendes WTirde da- 
gegen in den mathematischen Wissenschaften, 
die an Anania von Sirak ihren klassischen Vertreter 
fanden, und in der Geographie geleistet, um die schon 
Mowses von Choren sich ein grundlegendes literarisches 
Verdienst soll erworben haben. Auch armenische Ärzte 



Profanwissenschaftliche Literatur. 85 

haben zu schriftstellerischer Behandlung der Geheimnisse 
ihrer Kunst die Feder ergriffen. 

Über ein nicht unbedeutendes Maß matliematischer und 
astronomischer Kenntnisse verfügte zunächst der Katholikos 
Mowses II., dessen in der Fixierung des Beginnes der arme- 
nischen Ära auf den 11. Juni 553 gipfelnde Regulierung des 
Kalenders die einzige hervorragende Tat im armenischen 
Geistesleben des 6. Jahrhunderts darstellt. Eine Astronomie 
und eine an diejenige des Epiphanios sich anschließende Schrift 
über die biblischen Maße und Gewichte erscheinen als die 
Hauptarbeiten des Anania, dem sein auf ausgedehnten Reisen 
in griechischem Sprachgebiet, namenthch aber zu Trape- 
zunt bei einem gewissen Tychikos erworbenes mathematisches 
Wissen den Beinamen des „Rechners" (Hamarogh) eintrug 
und der in der Heimat das Haupt eines Kreises namhafter 
Schüler wurde. Daß auch noch in weit jüngerer Zeit die hier 
eingeschlagene Studienrichtung ihre Anhänger fand, beweist 
die im Jahre 1254 abgefaßte Astronomie des Jowhannes von 
Erznka. Als Werk des Mowses von Choren ist eine Geographie 
überliefert, die indessen, wenn überhaupt wenigstens ihr Kern 
auf denselben zurückgeht, ihre endgültige Gestalt nicht vor 
dem 7. Jahrhundert erhalten haben kann. Als Beispiele medi- 
zinischer SchriftsteUerei der Armenier sind das ,, Trost in 
Fiebern" betitelte Werk eines mit Nerses Snorhali befreun- 
deten Arztes Mechithar, der sich in demselben als einer der 
ersten der lebenden Volkssprache seiner Zeit bediente, und 
das im Jahre 1476 zu Konstantinopel verfaßt« eines Amir- 
tolwath aus Amasia namhaft zu machen. 

Zu groß war sodann von jeher der Stolz, mit dem die 
Armenier das Kleinod der nationalen Sprache betrach- 
teten, als daß nicht die Grammatik eine eifrige litera- 
rische Pflege durch sie hätte erfahren sollen, und der 
frühen Blüte einer armenischen Kanzelberedsamkeit ent- 
spricht es, wenn auch eine nach griechischen Vorbildern 
mit der Theorie der Redekunst sich befassende Rhetorik 
wiederum bereits an Mowses von Choren einen maßgeb- 
hchen Darsteller fand. 

Was das Gebiet der Grammatik anlangt, so scheint an 



86 I^ie armenische Literatur. 

Dionysios Thrax in selbständiger literarischer Tätigkeit zuerst 
Stefannos von Siunikh angeknüpft zu haben. Aus den folgenden 
Jahrhunderten sind als Verfasser erhaltener und, wie man 
annehmen darf, besonders einflußreicher grammatischer Lehr- 
bücher der Exeget Hamam und Grigor Magistros erwähnens- 
wert. Im Rubenidenreiche hat durch die Pflege grammatischer 
Studien Jowhannes von Erznka sich ein entscheidendes Ver- 
dienst in einem Kommentar zu dem Büchlein des Dionysos 
und in einer im Jahre 1293 vollendeten größeren Grammatik 
erworben, die als geschickte und brauchbare Kompilation 
aus den Arbeiten Früherer alle Eigenschaften besaß, um in 
den folgenden Jahrhunderten des Verfalles der klassizistischen 
Rede den Rang des maßgebenden sprachwissenschaftlichen 
Handbuches einzunehmen. 

6. Rechts- und Briefliteratur. — Die Grundschicht des 
armenischen Kirchenrechtes bilden naturgemäß die 
frühzeitig auch ins Armenische übersetzten Kanones der 
wichtigsten frühchristlichen Konzile der griechischen 
Welt, von denen eine erste Sammlung Jowhan von Odsun 
veranstaltet hat. Neben dieselben tritt ergänzend ein ar- 
menischer Text des syrisch-römischen Rechtsbuches des 
5. Jahrhunderts als Grundlage des landfremden Ein- 
schlages im profanen Rechte der Nation, während die 
Kanones armenischer Ejrchenversammlungen und Ober-- 
bischöfe zu einer ständig sich vergrößernden Masse ein- 
heimischer Eärchenrechts quellen an^vuchsen, die gelegent- 
lich manches zu L^nrecht unter irgend einem hochbe- 
rühmt^n Verfassernamen alter Zeit gehende Stück ent- 
halten mochte. 

Von älteren armenischen Konzilsbeschlüssen verdienen 
die Kanones einer Synode zu Sahapiwan im Jahre 447 und 
zweier Synoden zu Dwin in den Jahren 505 und 555 Erwäh- 
nung. Daneben erscheinen Nerses der Große, Sahak der 
„Parther", Jowhan Mandakuni, der Katholikos Sahak III. 
(677 — 703), Jowhan von Odsun und ein noch späterer Katho- 
likos des 8. Jahrhunderts mit Namen Sion als Urheber grund- 
legender Reihen von kirchhchen Satzungen. Auch unter den 



Rechts- und Briefliteratur. 87 

Namen des hl. Basileios, Grigors des Erleuchters und eines 
Bischofs Makarios von Jerusalem haben sichKanones erhalten. 

Diesem gesamten, vorwiegend kanonischen Ge- 
lehrtenrecht stand von jeher das volkstümlichere 
Gewohnheitsrecht der verschiedenen Gaue des arme- 
nischen Landes gegenüber. Dasselbe mit den Satzungen 
des mosaischen und kirchlichen Rechtes zu einer höheren 
Einheit zu verschmelzen, ist die Aufgabe, welche im 
12. Jahrhundert im Anschluß an ältere Sammlungen der 
letzteren das Hauptwerk des Mechithar Gos zu lösen 
versuchte : ein großes, von dem kirchlich-gelehrten Recht 
ausgehendes und durch eine freie Deutung und Bear- 
beitung desselben seine Aussöhnung mit dem Volksrecht 
anstrebendes Rechtsbuch, das der juristischen Begabung 
seines Urhebers ein günstiges Zeugnis ausstellt. Zu dem 
in der klassizistischen Gelehrtensprache abgefaßten bildet 
ein wesenhaft andersartiges Gegenstück eines der älte- 
sten und bedeutendsten Denkmäler der vulgärsprach- 
lichen Literatur. Smbat, der Bruder und Kronfeldherr 
des Königs Hethum I. (f 1276), der in das Idiom dieser 
neuen Literatur an den Assises d'Antioche aus dem Alt- 
französischen auch eine hervorragende Erscheinung des 
fränkischen Kreuzfahrerrechtes übertrug, hat in der be- 
treffenden zeitgemäßen Neubearbeitung des von Mechi- 
thar geschaffenen Werkes unter gleichzeitigem glück- 
lichem Streben nach strenger geschlossenem systema- 
tischem Aufbau vielmehr umgekehrt den lebendigen 
nationalen Rechtsbrauch in den Mittelpunkt gestellt. 

Juristisches spielt ferner neben den Fragen des 
Dogmas und kirchUchen Brauches, neben Profanwissen- 
schaftüchem und den Ereignissen und Strömungen der 
Zeitgeschichte eine nicht geringfügige Rolle auch in 
einer umfangreichen armenischen Briefliteratur, die 



38 I^ie armenische Literatur. 

der entsprecliendeii s}Tisclien an Bedeutung mindestens 
keineswegs nachsteht. Namentlicli sind es Grigor Ma- 
gists, Nerses Snorliali und sein Nachfolger Katholikos 
Grigor IV., welche der Nachwelt eine ausgedelmte Kor- 
respondenz hinterlassen haben. Ein „Buch der Briefe" 
(Girkh Thghthotz) enthält eine Sammlung von haupt- 
sächlich älteren Denkmälern dieser Epistolographie, die 
als Urkunden zur inneren Geschichte der armenisclien 
Kirche und zur Geschichte ihrer mit anderen Kirchen 
unterhaltenen Beziehungen von unschätzbarem Werte 
sind. 

7. Hagiographische und Unterhaltungsliteratur. — 
Für das hagiographische Schrifttum der Armenier stehen 
die Urgeschichte des armenischen Christentums und die 
Zeit der Begründung eines selbständigen nationalen 
Geisteslebens von Haus aus im Vordergrunde des Inter- 
esses. Der führenden Persönlichkeit der letzteren hat in 
seiner Lebensbeschreibung Mesrops ein Schüler des- 
selben, der spätere georgische Bischof Koriun, ein 
Denkmal ehrfurchtsvoller Liebe gesetzt, dem die schlichte 
Sachlichkeit, mit welcher der liebenswürdig bescheidene 
Verfasser von ihm IMiterlebtes behandelt, den Wert einer 
hervorragenden historischen Quelle verleihen muß. Die 
erstere hat ihre maßgebliche Darstellung bereits in einem 
wesenhaft legendarischen Stile, wenn auch auf Grund 
eines älteren geschichtlich glaubwürdigen Berichtes über 
das Wirken Grigors des Erleuchters, erst gegen Ende des 

5. Jahrhunderts in dem Buche des angeblichen Aga- 
thangelos gefunden, der als Sekretär König Trdats 
gleichfalls ein Zeitgenosse der von ihm berichteten Ereig- 
nisse sein will. 

Das armenische Original des in der zweiten HäKte des 

6. Jahrhunderts ins Griechische übersetzten Agathangelos- 



Hagiographische und Unterhaltungsliteratur. 89 

buches scheint einerseits erst nach der Arbeit Koriuns ent- 
standen zu sein. Andererseits ist es bereits um 500 dem Histo- 
riker Lazar von Farp (vgl. S. 92) bekannt gewesen. Unter 
einer Mehrzahl älterer Quellen desselben nimmt neben einer 
verläßlichen Biographie des ,,Erleuchters", die wohl noch 
syrisch abgefaßt war und direkt in einem Briefe des Syrers 
Georgios des Araberbischofs an einen Mönch T^ö" nachwirkt, 
die Legende einer jungfräulichen Blutzeugin Rhipsime und 
ihrer Genossinnen, die auf der Flucht vor Diokletianus mit 
ihr aus Rom über Palästina nach Armenien gekommen wären, 
eine besonders wichtige Stelle ein. Mindestens erst nach der 
zur Zeit Kaiser Zenons erfolgten Auffindung der ReHquien 
Grigors ist gleich dem an sie anschUeßenden Texte eine Dar- 
stellung seiner Genealogie entstanden, welche als Einleitung 
einer Lebensbeschreibung des Katholikos Nerses' I. dient. 
Noch erheblich jünger ist eine Geschichte der armenischen 
Provinz Taron unter dem Namen eines Zenob von Glak, die 
angeblich wieder einen Zeitgenossen Grigors zum Verfasser 
hätte und aus einem syrischen Original übersetzt wäre. 

Erst allmählich ist in späteren Jahrhunderten eine 
Übernahme zahlreicher hagiographischer Pro- 
satexte aus dem Syrischen und dem Griechi- 
schen erfolgt, mit der dann naturgemäß auch eine nach- 
schaffende original-armenische Produktion von Hei- 
ligenlegenden Hand in Hand ging. Eine grundlegende 
Übersetzungstätigkeit sollen auf diesem Gebiete im 
9. Jahrhundert Gagik, Abt des Klosters Atom, ein Diakon 
Grigor und ein Arzt Jowhannes entwickelt haben. Den 
Beinamen des ., Märtyrerfreundes" hat dem Katholikos 
Grigor II. (1065 — 1105), einem Sohne des Grigor Ma- 
gistros und Oheim Nerses Snorhalis, der Eifer eingetragen^ 
mit welchem er sich der Vervollständigung des älteren 
Schatzes hagiographischer Texte widmete. Noch unter 
der Rubenidenherrschaft hat der Katholikos Grigor VII. 
(1293 — 1307) solche wie aus dem Griechischen und Sy- 
rischen nunmehr auch aus dem Lateinischen neu über- 
tragen, und erst im 15. Jahrhundert kommt auf Grund 



■90 Die armenische Literatur. 

desjenigen eines Ter Israjel mit den Synaxaren eines 
Origor von Chatli und Kirakos von Erznka die Entwick- 
lung eines vor allem den Blutzeugen verschiedenster Zeiten 
und Gegenden gewidmeten Schrifttums zum Abschluß. 
Ein dem syrischen ,, Väterparadies" entsprechendes 
Korpus vielmehr speziell der Mönchslegende hatte schon 
irüher wieder auf Grund griechischer, syrischer und 
lateinischer Vorlagen Nerses von Lambron geschaffen. 

Daß neben einer derartigen Masse hagiographischen 
Stoffes auch Stücke, wie die Geschichte Barlaams und 
Joasaphs, das Sagenbuch vom weisen Ahiqar oder der 
Alexanderroman des Pseudo-Kallisthenes ihren Weg 
ins Armenische fanden, braucht kaum noch ausdrücklich 
gesagt zu werden. Beachtenswert ist dagegen in hohem 
Grade, mit welchem Geschick die Originalschriftstellerei 
einzelner Armenier ein eigentümliches Gebiet lehrhafter 
Unterhaltungsliteratur an demjenigen der Fabel gepflegt 
hat. Neben einer solchen des Mechithar Gos ist nament- 
lich eine schwerlich mit Eecht unter dem Namen War- 
dans des Großen gehende Fabelsammlung als Zeugnis 
für die nach dieser Seite hin sich entschieden über den 
Durchschnitt erhebende Begabung armenischen Geistes 
namhaft zu machen. 

8. Geschichtschreibung. — Ein zweites imd aller- 
dings noch ungleich bedeutsameres Gebiet, auf welchem 
die armenische Literatur einen im Gesamtrahmen christ- 
lich-orientalischen Schrifttums einzigartig dastehenden 
Heichtum bekundet, ist dasjenige der Geschichtschrei- 
bung. Nicht allzu vieles, dafür aber durchweg hervor- 
ragend Wertvolles ist auch hier aus dem Griechischen 
und Syrischen übersetzt worden. Daneben setzt aber 
schon im 5. Jahrhundert die selbständige Dar- 
stellung der nationalen Geschichte, an der die 



Geschichtschreibung. 91 

Folgezeit immer wieder sich versuchen sollte, mit drei 
Werken ein, von denen jedes in seiner Art die höchste 
Beachtung verdient. Einer unter dem Namen eines 
Faustos des Byzantiners überlieferten Spezialarbeit über 
die Geschichte Armeniens in den Jahren 344 — 392, die 
in seltsam schwülstiger Sprache ihren Gegenstand mit der 
unentwegten Ehrlichkeit eines nach der Wahrheit stre- 
benden unabhängigen Geistes behandelt, tritt das an 
literarischem Werte ungleich höher stehende Denkmal 
gegenüber, welches Bischof Eghise dem unglücklichen 
Wardanischen Freiheitskriege der Mitte des 5. Jahr- 
hunderts in einem Geschichtswerke errichtet hat, in dem 
die künstlerische Veranlagung des Verfassers die Ge- 
staltung des ergreifenden Stoffes eine wahrhaft dichte- 
rische Kraft gemnnen läßt. Eine Gesamtgeschichte der 
Armenier von der sagenhaften Urzeit wesentlich bis zum 
Untergang der Arsakidendynastie im Jahre 428 ist das 
freilich nur in einer späteren Überarbeitung des Textes 
vorliegende Hauptwerk des Mowses von Choren. 

Unmittelbar wohl eher aus dem SjTischen als aus dem 
griechischen Original wurden bereits unter den Augen Mesrops 
die Chronik und die Earchengeschichte des Eusebios über- 
tragen. Eine kaum minder alte, sei es nun auf das Original, 
sei es gleichfalls auf einen syrischen Text zurückgehende Über- 
setzung von riavius Josephus' Geschichte des jüdischen 
Krieges ist einer erst im 17. Jahrhundert aus dem Lateinischen 
geflossenen Neuübersetzung derselben vorangegangen. Im 
7. Jahrhundert folgte die von einem Filon aus Tiraka herge- 
stellte und mit einer Fortsetzung versehene Übertragung der 
Kirchengeschichte des Sokrates. Die dem lateinischen sog. 
Liber generationis zugrundeUegende Chronik des Hippolytos 
war die Vorlage eines unter dem Namen eines Andreas über- 
Heferten armenischen Textes, an den sich eine durch Anania 
von Sirak vielleicht gleichfalls nur aus dem Griechischen über- 
setzte Fortführung anschließt. In einer armenischen Bear- 
beitung ist schließlich auch das große syrische Geschichtswerk 



92 I^ie armenische Literatur. 

des jakobitischen Patriarchen Mikhä'el lange Zeit allein be- 
kannt gewesen. Über die armenische Übersetzung einer alten 
georgischen Chronik vgl. unten S. 105. Was die armenische 
Geschichte des Mowses von Choren anlangt, so muß dieselbe 
ursprünghch vor dem Jahre 482 entstanden sein. Das Vor- 
handensein jüngerer Einschübe in dem alten Werke wird 
aber vor allem durch die Tatsache verbürgt, daß der erhaltene 
Text sich mehrfach der erst im Jahre 536 geschaffenen ost- 
römischen Provinzbezeichnung „Viertes Armenien" bedient. 
Die lange Folge weiterer literarischer Behand- 
lungen der armenischen Geschichte eröffnet das 
um 500 entstandene und den Ereignissen der Zeit von 
388 — 485 gewidmete Geschichtswerk eines jüngsten aus 
der Schule Mesrops hervorgegangenen Schriftstellers, 
Lazar vonFarp. Auch das Wiedererwachen einer nennens- 
werten literarischen Tätigkeit im 7. und 8. Jahrhundert 
wird weitaus in erster Linie durch einige vor allem inhalt- 
lich interessante historische Arbeiten gekennzeichnet. Der 
Kampf oströmischer und persischer Waffen unter Kaiser 
Herakleios und dem Sassaniden Khosrau II. steht im 
Mittelpunkt des einleitend bis in die zweite Hälfte des 
5. Jahrhunderts zurückgreifenden und zum Schlüsse 
noch der Begründung der Omaj Jadenherrschaft im Jahre 
661 gedenkenden Geschichtswerkes eines Bischofs Se- 
beos. Dem Nachbarvolke der Albanier ist dasjenige 
eines Mowses von Kaghankatukh gewidmet, das im 
10. Jahrhundert eine Fortsetzung von der Hand eines 
Unbekannten erfuhr. Die arabische Eroberung Arme- 
niens hat ihren Geschichtschreiber an dem die Ereig- 
nisse bis zum Jahre 778 verfolgenden Priester Ghwond 
(Leontios) gefunden. Dem 10. Jahrhundert entstammen 
sodann außer dem Anhange der albanischen Geschichte 
des Mowses zwei durch ihre Einleitungen rein äußerlich 
zu einer Art von Weltgeschichte erweiterte Werke, von 
welchem dasjenige eines Thowmaj aus dem Fürsten- 



Geschichtschreibung. 93 

geschlechte der Arzrunier die Genealogie dieses Herrscher- 
hauses eines armenischen Kleinstaates von Waspurakan 
und dessen Geschichte in der zweiten Hälfte des 9. und 
zu Anfang des 10. Jahrhunderts, dasjenige des Katho- 
likos Jowhan VI. (897 — 925) die Geschichte des Bagra- 
tidenreiches unter seinen drei ersten Beherrschern AJ^ot I. 
(885—889), Smbat I. (892—914) und A.>iot IL (915—928) 
zum Hauptinhalt hat. Den Niedergang und endhchen 
Sturz dieses Reiches hat, mit der Thronbesteigung des 
Königs Gagik I. im Jahre 989 einsetzend und seine Er- 
zählung bis zum Jahre 1070 herabfiihrend, nicht ohne 
tiefe Ergriffenheit Aristakes von Lastiwert, die Geschichte 
des Zeitalters der Kjeuzzüge bis zum Jahre 1132 voll un- 
verkennbarer Leidenschaftlichkeit gegen Byzantiner, Ara- 
ber und Franken Mattheos von Edessa behandelt, dessen 
Werk alsdann durch einen Priester Grigor bis zum Jahre 
1162 fortgesetzt wurde. Smbat, der Schöpfer des natio- 
nalen Rechtsbuches des 1 S.Jahrhundert, hat die von ihm 
vertretene neue Richtung eines mehr volkstümlichen 
Schrifttums auch auf dem Gebiete der Geschichtschrei-- 
bung in einer mit dem Jahre 951 anhebenden Chronik 
des gleichen Zeitalters zur Geltung gebracht, die, einem 
Zeiträume von drei und einem halben Jahrzehnt ge- 
widmet, ebenfalls eine bis zum Jahre 1331 reichende 
Fortfiihrujig von späterer Hand erlebte, ein Mechithar 
von Ani dagegen noch etwas früher die ältere Geschichte 
Armeniens, Persiens und Georgiens behandelt. Eine 
Gesamtgeschichte der armenischen Kirche von der Epoche 
ihrer Begründung bis zum Jahre 1267 schrieb allerdings 
mit besonders ausführlicher Berücksichtigung der von 
ihm selbst erlebten Zeit Kirakos von Gandsak, nachdem 
schon im 10. Jahrhundert das Geschichtswerk eines 
Bischofs Uchtanes an der Trennimg der georgischen von 



94 I^iö armenische Literatur. 

der armenisclien Kirche besonders ausführlich einen 
kirchengeschichtlichen Stoff behandelt hatte. Eine ein- 
leitend sogar bis zur Weltschöpfung zurückgreifende 
Geschichte der Provinz Siunikh hat der im Jahre 1287 
auf den erzbischöflichen Stuhl derselben erhobene 
Stefannos Urbel verfaßt, während speziell die Tar- 
tarenkriege der Jahre 1228 — 1272 den Gegenstand eines 
letzten, von einem Mönche Malakhia herrührenden Ge- 
schichtswerkes des 13. Jahrhunderts bilden. Dem 
14. Jahrhundert gehört die mit dem Jahre 1076 be- 
ginnende Chronik eines als Prämonstratensermönch von 
der Insel Cypern nach Europa gekommenen Hethum, 
dem 15. die durch eine Erzählung der Ereignisse bis zum 
Jahre 1447 fortgesetzte Geschichte Timurlenks von 
Thowmaj von Medsob, dem 17. endlich ein die Leiden 
armenischen Volkstums in den Jahren 1601 — 1662 be- 
schreibendes Geschichtswerk des Tauriers Arakhel an. 
Es ist durchweg die, wenigstens bei den besten Lei- 
stungen von einem nicht erfolglosen Streben nach künst- 
lerischer Gestaltung getragene, Behandlung des zeitlich 
dem Verfasser Näherliegenden, eine gewisse Wahlver- 
wandtschaft mit derjenigen der klassischen Antike, worauf 
die Stärke dieser Geschichtsschreibung beruht. Doch 
macht sich nicht nur in einer Eeihe der genannten national- 
geschichtlichen Arbeiten neben einem Interesse auch für 
fremdes Volkstum, dessen Eigenart und Schicksale zu- 
gleich eine Neigung geltend, die Darstellung der arme- 
nischen zu einer Weltgeschichte im Stile byzantinisch- 
syrischer Chronographie auszugestalten. Eine freilich 
bescheidene Gruppe jüngerer armenischer Geschichts- 
werke bewegt sich vielmehr vollständig in dieser uni- 
versalhistorischen Richtung. Eine führende Stellung 
nimmt hier das bis zum Jahre 1004 reichende Werk des 



Poesie. 95 

Stefannos Asoghik aus Taron ein. Das meiste Ansehen hat 
das mit dem Jahre 1179 abschließende des Samuel von 
Ani gewonnen, das die Hände verschiedener Fortsetzer 
bis zum Jahre 1665 weiterführten. Wohl höher an wirk- 
lichem Werte steht aber, namentlich vermöge seiner 
eingehenderen Behandlung der armenischen Geschichte 
des Arsakidenzeitalters, die manche sonst nirgends 
sich findende Nachricht bietet, das von Wardan dem 
Großen nach 1265 beendigte, das zur Abwechslung ein- 
mal sich um so größerer Kürze befleißigt, je mehr sich 
die Darstellung der Zeit des Verfassers nähert. 

9. Poesie. — Die christliche Dichtung Armeniens^ 
scheint bis zum Beginn der im 12. Jahrhundert an- 
hebenden letzten Blütezeit literarischen Lebens beinahe- 
ausschließlich im Dienste des Kultus gestanden zu haben. 
Was dabei von den Schöpfungen einer in ihren Anfängen 
bis ins 5. Jahrhundert hinaufreichenden Produktion auf 
dem Gebiete des Kirchenliedes sich dauernd im litur- 
gischen Gebrauch zu halten vermochte, hat in einem 
mehr als ein starkes Tausend von Gesängen umfassenden 
Hymnenbuche seine Stelle gefunden, in dessen Ent- 
wicklung eine umfassende Tätigkeit Nerses Snorhalis 
eine entscheidende Epoche bezeichnet, das aber seine end- 
gültige Redaktion sogar erst mehr als ein volles Jahr- 
hundert nach dem Tode desselben erfahren haben kann. 

Über die Herkunft der im offiziellen kirchlichen Hym- 
narium vereinigten Liedermasse hat die Zeit nach dem Ende 
des 12. Jahrhunderts sich verschiedentlich und im einzelnen 
in sehr verschiedenem Sinne Rechenschaft zu geben gesucht. 
Daß der Grundstock dieser Masse bis auf die „heiligen Über- 
setzer" des 5. Jahrhunderte zurückgehe, erscheint dabei als. 
eine feststehende Überlieferung. Aber weder darüber, was 
im allgemeinen zu jenem Grundstocke gehöre, noch viel 
weniger über die Verfasserschaft einzelner Dichter der ältesten 
Zeit an bestimmten Gesängen scheint man mehr ein zuver- 



96 Die armenische Literatur. 

lässiges Wissen besessen zu haben. Auch aus der Zeit vom 
7. bis 11. Jahrhundert wird von den sämthchen Quellen wenig 
mehr mit vollständiger Einhelligkeit bezeugt, als daß den 
KathoUkos Komitas (617 — 625) ein großer akrostichischer 
Festgesang zu Ehren des hl. Rhipsime und ihrer Gefährtinnen 
und den Kathohkos Sahak III. das Korpus der Lieder auf die 
Oktavfeier des Kreuzfestes zum Verfasser habe. Nerses 
Snorhali hat durch eigene Dichtungen das Hymnenbuch rund 
um ein Fünftel seines schHeßlichen Bestandes bereichert 
Weitere Hymnen haben noch jüngere Dichter geschaffen, 
deren Reihe mit Wardan dem Großen, dem Kathohkos Jakob I. 
(1268 — 1287) und Jowhannes von Erznka im wesentlichen 
2um Abschluß kommt. Seit der Zeit des letztgenannten ist 
nurmehr im 15. Jahrhundert eine einzige Dichtung des Ki- 
rakos von Erznka der mithin damals in ihre endgültige Form 
gebrachten Sammlung heihger Lieder der Vorzeit als ein 
Äußerhches Anhängsel beigefügt worden. Vorwiegend handelt 
es sich bei den Texten des armenischen Hymnariums näher 
hin um Strophenreihen, die bestimmt sind, nach Art der sy- 
rischen "Enjäna-Dichtungen bzw. der Masse der seit dem 
7. und 8. Jahrhundert erwachsenen griechischen Kirchen- 
poesie in engster Verbindung mit gewissen biblischen Ge- 
sangstücken vorgetragen zu werden, und deren auf einzelne 
Tage des Kirchenjahres angesetzte Gruppen als Kanones be- 
zeichnet werden. Doch fehlt es auch nicht an zahlreichen 
selbständigen, mehr an die Weise abendländischer Hymnen- 
■dichtung erinnernden Liedern. Namenthch wird dieser letzte 
Typus durch Gesänge auf Heilige und zur Belebung des kirch- 
lichen Tagzeitengebetes an Wochentagen vertreten, und 
selbst von den unmittelbar als Bestandteile ganzer Kanones 
überHeferten Stücken scheinen manche zu verraten, daß sie 
erst nachträghch zur Verwendung in der ihnen nunmehr zu- 
kommenden Rolle zurecht gemacht wurden. 

Wie Nerses Snorhali in der Geschichte der liturgischen 
Dichtung seiner Nationalkirche eine hervorragende Stel- 
lung einnimmt, so ist er zugleich der weitaus bedeu- 
tendste Vertreter einer nicht den Bedürfnissen des 
Gottesdienstes entsprungenen Poesie, die mit 
dem Gebrauche der Sprache des klassischen Zeitalters 



Poesie. 97 

eine an arabischen Mustern gebildete formale Kunst in 
der spielenden Handhabung des Rhythmus imd End- 
reimes verbindet, welch letzterer bei Reihen von vielen 
hundert Versen mit eintöniger Unveränderlichkeit der- 
selbe bleibt. Einem aus der Jugendzeit des späteren 
Kirchenfiirsten stammenden Epos über die sagenum- 
wobene Frühzeit armenischer Geschichte tritt als das 
Hauptwerk seiner reifen Jahre eine nach ihren Anfangs- 
worten .Jesus der Sohn" (Jisus ordi) betitelte poetische 
Bearbeitung des Alten und Neuen Testamentes gegen- 
über. Eine lehrhafte Dichtung unter dem Titel „Wort 
des Glaubens" und eine Elegie auf die im Jahre 1144 dem 
Sultan von Aleppo gelungene Eroberung Edessas, des 
äußersten östlichen Vorwerkes der durch die Kreuz- 
züge geschaffenen jungen christlichen Staaten weit des 
Orients, vervollständigen im wesentlichen das Bild der 
in dieser Richtung von dem Vielseitigen entwickelten 
schöpferischen Tätigkeit. 

Einen einzigen namhaften Vorgänger hatte Nerses 
bei derselben an seinem Großvater Grigor Magistros ge- 
habt, unter dessen Versifikationen eine den Hauptinhalt 
der Bibel in tausend Verse zusammendrängende Poesie 
ihre Entstehung einer Art von Wette verdankte, die ein 
mohammedanischer Dichter mit dem befreundeten 
Christen über die angebliche Unübertrefflichkeit der Verse 
des Korans eingegangen hatte. Einen Nachfolger hat die 
nichthturgische Dichtung dieser beiden Männer zunächst 
vor allem an Jowhannes von Erznka gefunden, unter 
dessen Hand die poetische Form nach Art des späteren 
svrischen Mimrä zur seelenlosen Hülle profanwissen- 
schaftlicher Gelehrsamkeit wurde. Weiterhin mögen als 
Nachzügler der Richtung etwa noch das von einem Erz- 
bischof Grigor von Siunikh im Jahre 1403 verfaßte 

Baumstark, Christi. Literatur. II. 7 



•98 I^ie armenische Literatur. 

Adamlied (Adam girkh) in drei GesäDgen, eine von Nerses 
Mokatzi im Jahre 1622 gedichtete Elegie auf die mo- 
hammedanische Eroberung Jerusalems im Jahre 1187 
und eine von dem letzteren begonnene, von seinem 
Schüler Stefannos vollendete Dichtung über den Tod 
und die leibliche Himmelfahrt der Muttergottes erwähnt 
werden, in der die Benützung der von italienischen Vor- 
bildern entlehnten strophische Kunstform der Stanze die 
Stärke abendländischen Einflusses bezeugt. 

Zu der blutleeren Gelehrtenpoesie, in der sich hier 
die Überlieferungen klassizistischer Dichtung verlieren, 
steht der im 14. Jahrhimdert erwachende Sang in der 
Sprache des Volkes in einem erfreulichen Gegensatz. 
Wenn auch ein immerhin bescheidenes, so doch unver- 
kennbar frisches und echtes Leben pulsiert in seinen 
Schöpfungen. Von Frauenschönheit und von der Liebe 
sinnlicher Glut klingt es in ihnen, von den Reizen der 
Natur, die das Wort des Sängers in anmutigen Bildern 
von Blumen und Vögeln zu wirkungsvoller Geltung 
bringt, und dazwischen wohl auch einmal mit Lauten 
tiefer Schwermut von der Nichtigkeit alles Vergäng- 
lichen, vom Nahen des Todes, gegen das der lebens- 
freudige Dichter umsonst Verwahrung einlegen möchte. 
Ein Konstandin von Erznka ist der früheste Vertreter 
des neuen Geistes, der sich mehr mit persisch-türkischer 
Art als mit der angestammten Weise des christlichen 
Ostens berührt. An dem im Jahre 1430 zum Bischof ge- 
weihten nachmaligen Metropoliten Mkrtic von Diarbekr, 
genannt Naghas („der Maler"), und dem Patriarchen 
von Sis Jowhannes von Thulguran (1489 — 1525) hat der- 
selbe ein erstes, an den Patriarchen Grigor von Aghtha- 
mar und einem Nahapet Kucak im 16. Jahrhundert ein 
zweites Paar bedeutenderer Bannerträger gefunden. 



Die georgische Literatur. 99 

Noch im 18. Jahrhundert hat ein berufsmäßig in den 
Häusern der Reichen zur Verschönerung froher Gelage 
seine Kunst übender Volkssänger Haruthiun mit dem 
Dichternamen Sajath Nowa der ganzen Weltfreudigkeit 
dieses Geistes gehuldigt, bis er, von Schmerz über den 
Tod seines Weibes in die stille Klosterzelle geführt, 
andersartige mystische Klänge anstimmte, um im 
Jahre 1795 bei der Eroberung seiner Vaterstadt Tifb's 
durch die Perser als Blutzeuge des christlichen Glaubens 
zu sterben. 

B. Die georgische Literatur. 

Georgier oder nach russischem Vorgange Gru- 
sin er pflegt man mit einer auf das Türkische zurück- 
gehenden Bezeichnung die christlichen Nachkommen des 
den Griechen unter dem Namen der Iberer bekannten 
südkaukasischen Bergvolkes zu nennen, die in ihrer 
eigenen Sprache für sich denjenigen der Khartweli ge- 
brauchen und mit den benachbarten Stämmen vor allem 
der Imerier und Gurier wesentlich eine völkische Ein- 
heit bilden. Da die Reste dieses Volkstums, in einer 
Stärke von annähernd einer ^lillion Seelen, heute der 
russischen Herrschaft unterstehen, ist es vor allem 
russische Gelehrtenarbeit gewesen, die sich bislang mit 
dem Studium seiner alten Literatur befaßt hat. West- 
europäische Forschung wird derselben mehr als irgend 
einem anderen Zweige christlich- orientalischen Schrift- 
tums gegenüber lange und sehr zu Unrecht Versäumtes 
erst nachzuholen haben, eine allgemeine Orientierung 
über ihre Entwicklung und ihrem Bestand aber vor- 
läufig sich mit der Hervorhebung einiger weniger be- 
sonders^markanter Höhepunkte begnügen müssen. 



100 Die georgische Literatur. 

1. Charakter und geschichtliche Entwicklung. — Die 

georgische Literatur nimmt unter ihren christlich-orien- 
talischen Schwestern eine im hohen Grade bemerkenswerte 
Sonderstellung dadurch ein, daß sie in einer verhältnis- 
mäßig frühen Zeit den spezifisch kirchlichen Charakter 
abgestreift und in ihrer eigentlichen Blüteperiode Werke 
wesenhaft weltlichen Gepräges hervorgebracht hat, denen 
gegenüber das im Schatten der Kirche erwachsene Schrift- 
tum entwicklungsgeschichtlich als eine bloße Vorstufe 
erscheint. 

Dieses kirchlich-georgische Schrifttum selbst 
hat sich ursprünglich in engstem Zusammenhange 
mit dem armenischen entwickelt. Kein Geringerer 
als Mesrop, der Schöpfer des armenischen, hat nach dem 
Zeugnisse seines Schülers Koriun auch den Georgiern die 
älteste Form ihres nationalen Alphabets geschaffen. 
Näherhin sind es besonders syrische Einflüsse gewesen, 
welche durch armenische Vermittlung sich auf die wer- 
dende Literatur des christlichen Iberiens geltend machten. 
Erst seit der zu Anfang des 7. Jahrhunderts erfolgten 
Neuorientierung des georgiscuen Kirchentums im Sinne 
der byzantinischen Orthodoxie (vgl. I, S. 23 f.) ist auch 
für das georgische Schrifttum statt der syrisch-arme- 
nischen die griechische Beeinflussung maßgebend 
geworden. Eine umfassendere Übersetzungstätigkeit aus 
dem Griechischen setzte ein, die indessen nur allmäh- 
hch die ältere, andersgeartete Literaturschicht sieg- 
reich zu überdecken vermochte und ihre Blütezeit erst 
im 10. und IL Jahrhundert erlebte. Der Herd des Hte- 
rarischen Lebens dieser Zeit hat bezeichnender Weise 
nicht im Lande selbst, sondern an dem Iwiron- Kloster 
auf dem Athos geradezu innerhalb des griechischen Ge- 
bietes gelegen. Männer wie ein Efrem mit dem Bei- 



Charakter und geschichtliche Entwicklung. 101 

namen „der Jüngere", Euthymios (t 1028) und dessen 
Vetter Giorgi Mtatzmindeli (t 1065), der seit dem Jahre 
1051 als Oberer jenem Kloster des ,, heiligen Berges" 
vorstand, erscheinen als die eigentlich klassischen Ver- 
treter dieser jüngeren altgeorgischen Mönchsliteratur, 
die in ihrem innersten Wesen ein Ableger der byzan- 
tinischen ist. 

Aber schon begann in der Heimat statt des Mönch tums 
das Rittertum eines für die kleine georgische Welt be- 
zeichnenden Feudaladels die kulturelle Führung zu über- 
nehmen, ein Wandel der Dinge sich zu vollziehen, der 
auf literarischem Gebiete in der Befreiung von der aus- 
schließlichen Herrschaft des kirchlichen Geistes seinen 
Ausdruck finden mußte. Die ruhmvolle Regierungszeit 
des selbst als Dichter hervorgetretenen Königs David III., 
genannt „der Erneuerer", (1089 — 1125) bezeichnet die 
Übergangsperiode von der Blüte des kirchlichen zu der- 
jenigen eines unter persischem Einfluß stehen- 
den weltlichen Schrifttums. Die letztere hat als- 
dann ihren Höhepunkt unter der Herrschaft von Davids 
Urenkelin Thamar (1184 — 1212) erreicht, als auch poh- 
tisch das vom östlichen Südgestade des Schwarzen 
bis zum Kaspischen Meere sich erstreckende christliche 
Kaukasusreich Tage eines späterhin nie wieder erlangten 
Glanzes sah. Die Stürme mongolischer Invasion, die 
wenige Jahre nach dem Tode der großen Königin über 
das Land hinzugehen begannen, haben indessen nicht 
nur solcher politischen Machtstellung und seinem wirt- 
schaftlichen Wohlstande gründlich ein Ende bereitet, 
sondern naturgemäß auch einen raschen Niedergang der 
nationalen Literatur im Gefolge gehabt. Wohl hat deren 
Pflege niemals aufgehört und stets sogar einen ge\\'issen 
neuen Aufschwung genommen, sobald unter dem Schutze 



102 Die georgische Literatur. 

der unverwüstlichen, wenn auch seit dem zweiten Drittel 
des 15. Jahrhunderts dauernd gespaltenen einheimischen 
Königsmacht dem georgischen Volkstum vorübergehend 
glücklichere Stunden schlugen. Aber eine etwa der- 
jenigen Davids III. entsprechende Epoche in der Ent- 
wicklung des literarischen Lebens wird erst wieder durch 
die Regierungsjahre des Königs Wachtang VI. (1703 bis 
1738) gebildet. 

Wie indessen um die Wende vom 11. zum 12. Jahr- 
hundert in raschem Tempo sich der Übergang vom kirch- 
lichen zum vorwiegend weltlichen Charakter der Literatur 
vollzog, so erlebte auch jetzt das im Boden der natio- 
nalen Vergangenheit wurzelnde Schrifttum eine letzte 
Nachblüte nur, um alsbald einem neuen, aus der fernen 
Kulturwelt Westeuropas einströmenden Geiste die Herr- 
schaft zu überlassen. Eine neugeorgische Literatur von 
unverkennbarer Bedeutsamkeit hat sich unter der Herr- 
schaft dieses Geistes entfaltet, der gegenüber die von 
dem gleichen Geiste erfüllte neuarmenische noch ent- 
schieden in ihrer Ent^vicklung nachsteht. Aber eben- 
sowenig als für diejenige der letzteren ist für ihre Wür- 
digung mehr im Rahmen einer Behandlung der Er- 
scheinungen eines wesenhaft christlichen orientalischen 
Schrifttums ein passender Platz. 

2. Die kirchliche Prosa. — Die grundlegende Be- 
deutung, welche vor dem Einsetzen des beherrschenden 
griechischen Einflusses Armenien und durch dessen Ver- 
mittlung Syrien für die Entwicklung der georgischen 
Kirchenliteratur besessen hat, kommt vor allem in der 
Gescliichte der georgischen Bibel zu bezeichnendem 
Ausdruck. Während nämlich der endgültige Text der- 
selben im 11. Jahrhundert durch Euthymios und Giorgi 
Mtatzmindeli auf Grund griechischer Handschriften ge- 



Die kirchliche Prosa. 10*j 

schaffen wurde, bekundet ein älterer den nächsten Zu- 
sammenhang mit Armenien. Näherin erweist sich diese 
wohl allmählich im Laufe des 5. Jahrhunderts entstan- 
dene altgeorgische Bibelübersetzung als eine Zwillings- 
schwester, wo nicht als eine Tochter der ersten im An- 
schluß an die Pesittä entstandenen armenischen Version. 

Dem Werke der jüngeren, nach griechischen Vorlagen 
arbeitenden Übersetzer ist es nicht gelungen, die ursprüng- 
liche Gestalt der nationalen Bibel geradezu dem Untergang 
anheimfallen zu lassen. Eine Mehrzahl von Evangelienhand- 
schriften noch des 10. Jahrhunderts, deren eine vom Jahre 
913 genau datiert ist, eine Gruppe von Psalterhandschriften, 
deren älteste bis in das 7. oder 8. Jahrhundert zurückgehen 
soll, ein im Jahre 978 geschriebenes vollständiges Altes Testa- 
ment, eine aus dem 11. Jahrhundert stammende Sonder- 
handschrift der Propheten mit Einschluß der Ezrabücher und 
ein erhebHch älteres Exemplar der Apostelbriefe machen 
wesentlich mit dem gesamten Texte der vorbyzantinischen 
Georgierbibel bekannt. 

Man wird unterstellen dürfen, daß ähnliche Verhält- 
nisse, wie sie auf demjenigen der Bibelübersetzung sich 
konstatieren lassen, auch auf dem Gebiete der Liturgie 
bestanden, kann aber mit Bestimmtheit vorläufig nur 
feststellen, daß es jedenfalls eine Übertragung der by- 
zantinischen Formulare in die Landessprache war, was 
hier in der georgischen Kirche dauerndes Bürgerrecht 
gewann. Selbst die weitere kirchliche Literatur des ersten 
Jahrtausends mag in einer recht beträchtlichen ältesten 
Schicht noch der Sphäre von Svrien und Armenien ab- 
hängiger literarischer Produktion angehören. Ist doch 
die Masse dieses Schrifttums frühzeitig so bedeutend an- 
gewachsen, daß die älteste datierte Handschrift in geor- 
gischer Sprache, ein theologischer Sammelkodex vom 
Jahre 864, bereits ein starkes halbes Hundert von ver- 
schiedenen Stücken derselben aufweist. Die Hoffnung, 



104: Die georgische Literatur. 

daß liier im Laufe der Zeit noch manche im Original 
untergegangene Stücke altchristiicher Literatur wieder 
zutage treten könnten, wird durch die Tatsache geweckt, 
daß an dem Kommentar des Hippolytos von Rom zum 
Hohen Liede ein Denkmal der Bibelerklärung des frühen 
3. Jahrhunderts sich in einer unmittelbar auf einen ar- 
menischen Text zurücKgehenden georgischen Übersetzung 
gefunden hat. Eine nicht unbedeutende Rolle dürfte. 
in dieser Übersetzungsliteratur speziell das apokryphe 
Element gespielt haben. Xeben einem georgischen Niko- 
demusevangelium ist eine Joseph von Arimathäa zuge- 
schriebene Erzählung über die Gründung der ältesten 
Kirche zu Lydda-Diospolis in Palästina namhaft zu 
machen, deren im 8. oder 9. Jahrhundert entstandener 
georgischer Text im letzten Grunde auf einen s^Tischen 
der Zeit spätestens vor 716 zurückgeht. Die Werke eines 
Äthan asios, Basileios, Gregorios von Nazians, Chryso- 
stomos, Johannes Khmakos und Johannes von Damaskus 
fanden weiterhin ihre Übersetzer unmittelbar aus dem 
Griechischen. 

Auch das Gebiet hagiographischen Schrifttums 
weist zunächst eine Grundschicht auf, die von der ur- 
sprünglichen Abhängigkeit des georgischen vom arme- 
nischen Christentum Zeugnis ablegt. In einer Hand- 
schrift des 10. Jahrhunderts hat sich die Hälfte einer 
Heihgenlegende für das ganze Jahr erhalten, in der sich 
die Übertragung eines Denkmals altarmenischer Hagio- 
graphie nicht verkennen läßt. Um die Mitte des ge- 
nannten Jahrhunderts soll alsdann ein Katholikos Arseni 
eine Sammlung von Lebensbeschreibungen speziell geor- 
gischer Heiliger geschaffen haben. Ein aus dem Grie- 
chischen übersetztes Synaxarion verdankt dagegen die 
georgische Kirche der Folgezeit wiederum erst dem späten 



Historisch-geographische und Rechtsliteratur, 105 

Giorgi Mtatzmindeli. Von einzelnen hagiographischen 
Texten, die eine besondere Aufmerksamkeit verdienen, 
seien neben den in einer Mehrzahl von Versionen vor- 
liegenden überaus legendarischen Akten der als ,,Er- 
leuchterin" des georgischen Volkes verehrten hl. Nina 
(vgl. I, S. 12) die georgische Übersetzung des arme- 
nischen Agathangelosbuches, eine georgische Rezension 
der Lebensgeschichte Petros des Iberers (vgl. I, S. 88) 
und Biographien des im 6. Jahrhundert lebenden Patri- 
archen des georgischen Mönchtums Sio von Mghvime 
und eines Blutzeugen Abo von Tiflis (f 786) namhaft 
gemacht. 

3. Historisch-geographische und Rechtsliteratur. — 
Von der Heiligenlegende zur Geschichtschreibung 
führt eine ,,Die Bekehrung Georgiens" betitelte Chronik 
hinüber. Dieselbe eröffnet einen Dreiverein alter Chro- 
niken, die in ihrer Gesamtheit das Wertvollste darstellen, 
was sich über die früheren Jahrhunderte der nationalen 
Geschichte in georgischer Sprache selbst erhalten hat. 
Eine weitere für diese Jahrhunderte in hohem Grade 
wichtige georgische Chronik scheint nurmehr in einer ar- 
menischen Übersetzung des 18. Jahrhunderts vorzuliegen. 
Den Grundstock des armenisch überheferten Werkes soll 
eine Aufzeichnung des 5. Jahrhunderts aus der Zeit eines 
Königs Wachtang (446 — 499) büden, die ein gewisser Guanber 
um die Wende vom 7. zum 8. Jahrhundert aufgefunden hätte. 
Derselbe hätte jenen Grundstock bis auf die Zeit des Königs 
Arthbil II. (688 — 718) fortgesetzt und eine weitere Fortsetzung 
späteren Händen empfohlen. 

Kurz nach der Jahrtausendwende war die Zahl der 
die ältere Landesgeschichte behandelnden Werke bereits 
derartig angewachsen, daß Efrem ,,der Jüngere" den 
verschiedenen Berichten über die Christianisierung der 
Georgier und den dieselben enthaltenden Quellen ein 



106 Die georgische Literatur. 

eigenes Sckriftclien widmete. Auch in der Folgezeit hat 
die nationale Geschichte eine eifrige literarische Pflege 
erfahren. So verfaßte beispielsweise der Beichtvater des 
Königs David III., Arseni Izkaltoeli, ein ,,Die Biene" be- 
titeltes Buch über die kirchliche Trennung der Georgier 
von den Armeniern, ein Katholikos Arseni im 14. Jahr- 
hundert eine Geschichte der Herrscher von Imerethien, 
ein Katholikos Domenethi im 16. Jahrhundert eine 
solche der ihm geradezu als diejenige einer ,, Zerstörung 
Georgiens" erscheinenden Zeit politischen Niederganges. 
Die abschließende Kodifikation dieser geschichtlichen 
Überlieferung erfolgte erst im 18. Jahrhundert in der 
großen Chronik, die unter dem Titel „das Leben Geor- 
giens" durch König Wachtang VI., wenn nicht geradezu 
verfaßt, so doch veranlaßt wurde und neben der noch 
eine von Wachtangs unehelichem Sohne, dem Prinzen- 
Wachusti, herrührende Geschichte Imerethiens vom 
Jahre 687 bis zum Jahre 1744 eine Erwähnung verdient. 
Der nämliche Wachusti ist auch der Verfasser einer 
schätzenswerten geographischen Arbeit: einer Schil- 
derung des gesamten georgischen Landes, der im 15. Jahr- 
hundert eine entsprechende Schrift über den Distrikt von 
Szamzche Ssaathabago aus der Feder eines Joanne 
von MangK vorangegangen war. Der Name Wacht angs VI. 
selbst ist dagegen wie mit derjenigen der großen Lan- 
•desgeschichte, so auch mit der Eedaktion des end- 
gültigen nationalen Eechtsbuches verknüpft. Eine 
umfassendere ältere Rechtsliteratur war auch diesem 
gesetzgeberischen Werke voraufgegangen. An Über- 
tragungen frühchristlich-griechischer Kanones, wie sie 
in der kirchlichen Übersetzungsliteratur nicht fehlen 
konnten, hatten sich einheimische kirchenrechtliche 
Satzungen, wie die Beschlüsse einer Ref orms3Tiode, die 



Poesie und prosaische Unterhaltimgsliteratur. 107 

im Jahre 1103 zu Mtzkhetha, der alten, religiös geweihten 
Landeshauptstadt, abgehalten wurde, die kanonischen 
Bestimmungen eines Katholikos Malachia und des oben- 
genannten Katholikos Arseni, angeschlossen. Von welt- 
lichen Gesetzen sind die aus dem 14. Jahrhundert stam- 
menden des Königs Giorgi V., ,,des Glanzvollen", und 
diejenigen des Atabek Beka samt ihren jüngeren Er- 
gänzungen in das juristische Werk Wachtangs über- 
gegangen. 

4. Poesie und prosaische Unterhalt imgsliteratur. — 
Wie die georgische Geschichtsschreibung, so wurzelt auch 
die georgische Poesie wenigstens mit ihren Anfängen 
noch durchaus im Boden des alten, rein kirchlich ge- 
richteten und bestimmten Schrifttums. Noch insbe- 
sondere das 12. Jahrhundert hat einen Kreis im Geiste 
byzantinischer Kirchendichtung schaffender Sänger her- 
vorgebracht. Die jambischen Gedichte des Nazianzeners 
erfuhren eine Übersetzung durch einen königlichen 
Prinzen Petre. Den sämtlichen Heiligen des Kirchen- 
kalenders wurden von einem Joanne Petritzi gleichfalls 
in jambischer Form poetische Ehrenkränze geflochten. 
Die Gottesmutter fand in einem besonders hochge- 
schätzten Hymnus von rund 60 Strophen Verherrlichung. 
Auch König David III. stellt sich mit „Bußliedern", 
deren hohe religiöse Begeisterung an den Schwung der 
Psalmen erinnert, in die Reihe der Vertreter dieser kirch- 
lichen Dichtung, deren Nachlaß er redigierend sam- 
melte. 

Die derselben im Zeitalter der Königin Thamar gegen- 
übertretende weltliche Poesie steht vom Hause aus 
unter dem maßgeblichen Einflüsse Persiens. Es ist näher- 
hin etwas der höfischen Dichtung des abendländischen 
I\Iittelalters Verwandtes, was sich unter diesem, besonders 



108 Die georgische Literatur. 

im Stofflicilen zutage tretenden Einfluß zu schöner und 
freier Blüte entfaltete. Thamars Schatzmeister Sotha 
von Rusthawi ist der unübertroffene Klassiker solcher 
Poesie, die innerhalb der gesamten christlich - orienta- 
lischen Welt nicht ihresgleichen hat. Die Unsterblichkeit 
seines Namens verdankt er dem Epos Wepchis-Tkaossonie 
(„der mit dem Tigerfell"), dem einzigen Werke einer 
großen, eine Fülle frei geschaffener Gestalten und Ereig- 
nisse phantasievoll verknüpfenden weltlichen Epik, das 
jene Welt aufzuweisen hat. 

Ihren Titel führt die Dichtung von dem indischen Prinzen 
Tariel, den die brennende Liebe zur Königstochter Nestan 
zum Mörder an deren Bräutigam werden und in der Blüte 
seiner Jugend als einen Verzweifelnden ins Dickicht wilden 
Waldes fhehen ließ, wo das Fell eines Tigers seine Blöße deckt. 
Er wird bei Gelegenheit einer Jagd von dem Gefolge Roste- 
wans, des greisen Königs von Arabien, und seiner Tochter 
Thinathin aufgestöbert, verschwindet aber spurlos wieder, 
bevor es gelingt, von dem bitterUch Weinenden etwas über 
den Grund seiner Betrübnis zu erfahren. Nun verspricht 
Thinathin demjenigen ilire Hand, welcher den geheimnisvollen 
Jüngling wieder zur Stelle bringe. Den köstlichen Preis zu ge- 
winnen, unternimmt ihr jugendlicher Feldhauptmann Aw- 
thandil, der schon längst von stiller Leidenschaft für die von 
ihrem Vater bereits als Herrscherin über ihr angestammtes 
Reich eingesetzte Königstochter verzehrt wird. Nach drei- 
jähriger abenteuerlicher Fahrt gehngt es ihm -wirkhch, den 
Träger des Tigerfelles aufzufinden, dem er behilflich ist, 
Nestan, die als an dem Ende ihres Bräutigams schuldig in 
einer scheinbar unzugänglichen Feste gefangen gehalten wird, 
zu befreien. Die Verbindung Tariels mit dieser und Aw- 
thandils mit Thinathin bildet den frohen Abschluß des Ganzen. 

Im 16. Jahrhundert hat es alsdann auch der welt- 
lichen Dichtkunst nicht an zwei hervorragenden ge- 
krönten Vertretern gefehlt. König Theimuras L, der des 
neupersischen Dichters Nizämi (f 1203) sentimentale 
Liederdichtung von Leila und Megnün ins Georgische 



Poesie und prosaische Unterhaltungsliteratur. 109 

übertrug, hat sich selbständig mit Glück vor allem auf 
dem Felde der Lyrik betätigt und König Arthsil II. 
wiederum zum Gegenstande eines Epos Ereignisse der 
nationalen Geschichte bis in eine ihm noch unmittelbar 
nahehegende Vergangenheit herab gemacht. Neben dem 
Schaffen weltUchen Künstlergeistes in Vers und Reim 
ist ferner schon seit der Wende vom 12. zum 13. Jahr- 
hundert die Entwicklung einer nicht minder beachtens- 
werten Romanliteratur hergegangen. Auch ihr sind 
die Stoffe in ausgedehntem Maße von persischer Seite zu- 
geströmt. Bis in das Zeitalter der Thamar reichen hier 
zwei besonders hervorragende Stücke zurück: der der 
die Schicksale eines Amiran, Sohnes des Daregan, behan- 
delnde Ritterroman eines Moses von Choni und eine 
prosaische Rezension, in welcher ein Sargis von Thmogwi 
seinem Volke die sch9n ein Jahrhundert früher von 
Fahr ed-Din Assad al-Gurgäni in persischen Versen er- 
zählte Sage von der verbrecherischen Liebe des Ramin 
zu Wis, der Gattin seines königUchen Bruders Mobad, 
zugänglich machte. Eine nicht geringe Zahl weiterer 
hierher gehöriger Romane hat sodann der Zeitraum vom 
13. bis 17. Jahrhundert entstehen sehen. Eine besondere 
Behebtheit haben von denselben derjenige von einem 
König Algus imd die durch eine Rahmenerzählung zu- 
zammengehaltenen zwölf Geschichten erlangt, die von 
ebenso\äelen Brüdern einer Prinzessin Russudan vorge- 
tragen werden. Auch an direkten Übersetzungen hat es 
auf dem Gebiete der unterhaltenden georgischen Prosa - 
erzählung nicht gefehlt. Ein Text der Geschichte von 
Baarlam und Joasaph würde eine außergewöhnHche Be- 
deutung gewinnen, falls es sich bewahrheiten sollte, daß 
er auf eine älteste christliche Bearbeitung des Stoffes in 
syrischer Sprache zurückgehe, die in den nestorianischen 



110 Die georgische Literatur. 

Kreisen des späten 5. Jahrhunderts entstanden wäre. 
Eine Übertragung des Pseudo-Kallisthenes hat dieser 
noch der Sphäre kirchlicher Literatur angehörenden 
Nummer König Theimuras I. an die Seite gestellt. 

Nicht um mehr oder weniger landfremden Stoff, 
sondern um die Welt echt volkstümlichen humorvollen 
Fabulierens handelt es sich dem allem gegenüber schließ- 
lich bei den Märchen und Schwänken, die in seinem 
,,Buc^ cler Weisheit und der Torheit" ein Zeitgenosse 
Wachtangs VI., Ssaba-Ssulchan Orbeliani, vereinigt hat, 
der in seiner sonstigen literarischen Tätigkeit schon als 
einer der ältesten Vertreter eines vom Abendlande ab- 
hängigen Schrifttums erscheint. 



Nachträge. 

Zu S. 17 Z. 22: Neben den Resten einer solchen des 
sog. Nikodemusevangeliums wäre noch der arabischen Über- 
setzung der Pilatusakten (vgl. I, S. 62, 105) zu gedenken. 

Zu S. 41 Z. 17: Zu den in äthiopischer Übersetzung er- 
haltenen alten Apokryphen kommt nunmehr noch die bis 
in die erste Hälfte des 2. Jahrhunderts zurückgehende ur- 
christliche Apokalypse des Petrus, von der ein — wohl auf 
einer arabischen Zwisöhenübersetzung beruhender — Text 
soeben unter der Masse dem Apostel schüler Klemens zu- 
gescliriebenen Apokryphengutes der Abessinier nachgewiesen 
wurde. 

Zu S. 57 Z. 3 : Ein giiechisches Original des Sergios von 
Abergä-Buches ist nunmehr an einer Aiöaoy.a/.la 'lay.o'ißcr 
Tov rsoßa:iTLoxov bekannt geworden. Der abessinische Be- 
arbeiter hat indessen die zahlreichen Bibelzitate nicht aus 
seiner — unmittelbar natürhch wieder arabischen — Vor- 
lage übersetzt, sondern sie seiner eigenen äthiopischen Bibel 
entnommen. 



Register. 



Bei bekannteren arabischen Schriftstellern ist statt der vollständigen die 

allgemein geläufige Namensform angegeben. Mit * ist die Stelle bezeichnet, 

an der Lebensdaten eines Schriftstellers angegeben werden. 



'Abdallah ibn Saläm 12. 

''Abd al-Masih ibn 'Abdallah Na'ima 

20. 
"Abdhisö'' V. Mossul 20. 
'Abhdisö' bar Bfrikhä 15. 
Abu Basr Mattä ibn Jaunän 21. 
Abu Duäd 34. 
Abü-1-Barakät 11*, 26 f. 
Abü-1-Farag 'Abdallah ibn at-Tajjib 

11* 15 25. 
Abü-l'-Fath 'Abdallah ibn al-Fadl 11*, 

23, 26. 
Abü-1-Mawähib Ja'qüb ibn Na'ma 

ibn Butrus ad-Dibsi 15. 
Abu Sa'id 13. 
Abu Säkir 11*, 27, 51. 
Abu Salah 32. 
Abu Sulh"31. 
Adambücher 17, 41, 74. 
'Adi ibn Zaid 34. 
Agapios s. Mahbub. 
Agalbangelos 88 f., 105. 
Ahiqar.sage 18, 90. 
Akakios v. Melitcne 54. 
al-Achtal 34 f. 
al-A'sa 34 
Albertus Magnus 80. 
Alexandreia, Aixib. Beschreibung von 

34. 
Alexioslegende 18, 49. 
Algusroman 109. 
al-Makin 31», 51. 
A'mä<la Mestir, Buch 56. 
'.\nula Sejön 43. 
'Amda Sejön, Geschichte der Kriege 

des 49! 
Amirtolwath 85. 
'Amr ibn Mattä 26. 
Anania v. Narek 68. 



Anania v. Sanahin 83. 

Anania v. Sirak 67*, 84 f, 91. 

Andreas (Armen. Chronograph) 91. 
' Andreas v. Kreta 79. 

an-Näbighä 34. 

Anqasa Amin, Buch 56. 

Ajilio'cheia, Arab. Beschreibung von 34. 

Antiochos 23. 

Aphrähät 78. 
i Aphrgm 24, 59, 78. 

(Ps.-)Aphrems Geschichte der Apostel 
Petrus u. Paulus 17. 

Apokalypse des Daniel 18. 
„ des Paulus 18. 

„ des Petrus 17, 41, 110. 

„ des Victor 42. 

Apostel, Didaskalia der 29, 43, 74. 
y, Lehre der 43. 75. 
„ Traditionen der 29. 

Apostelakten, Korpus apokrypher 17. 
41, 75. 

Arakhel v. Siunikh 84. 
] Arakhel d. Taurier 94. 
j Archelliteslegende 18. 
I Archimedes 21. 
I .^rde'et, Buch 53. 
I Arganöiiä Dengel (Weddäse) 59. 

Aristakes v. Lastiwert 93. 
j Aristarchos v. Samos 21. 

Aristoteles 21, 77. 
I (Ps.-jAristoteles, Theologie dos 20. 

Ajseni Izkaltoeli 106. 

Arseni, Katholikos 104, 106 f. 
I Arthsil II 109. 
I Arzneibücher, Amharische 57. 

Asmäta Egzi'ena, Buch 53. 

Atabek Beka 107. 

Athanasios 23, 78 f., 104. 

Athanasios I. (Jakobit. Patriarch) 46. 



112 



Register. 



Athos, Iw-iron-Kloster auf dem 100. 
Autolykos 21. 

Bahajla Mikä'gl 41. 

Bar -Ebhräjä 11, 22, 24, 27, 33. 

Barlaam u. Joasaph, Roman von 18, 

.Dl, 90, 109 f. 
Bartholomäus V. Bologna 80. 
Baruchbuch, Äthiopisches 41. 
Basileios 78, 104. 
Baulus V. Aleppo 33. 
Baulus ar-ßähib 24 f. 
Baulus ibn ßagä 27, 55. 
Beda Yenerabilis 80. 
BegräbnisUturgie, Äthiopische 45. 
^ Armenische 76. 

Be-la Nagastat, Buch 48. 
Benediktinerregel 80. 
Bibelübersetzung, Äthiopische 39 f. 
, Armenische 73 f. 

„ Georgische 102 f. 

Bibelübersetzungen, Arabische 12 — 15. 
Biographie des Anörgwos 47 f. 

, des Aragäwi 47. 

„ des Basalöta Mikä'el 47. 

, des Ewostätewös 48. 

, des Fer6 Mikä'el 48. 

y, des fllpös V. Dabra Bizan 

47. 

„ des Filpös v.Dabra Libänos 

47.^ 

„ des Järed 47. 

„ des Lälibalä 47. 

des Mabä'a Sejon 48. 

„ der hl MariaAegyptiaca46. 

.„ des Na'akueto La'ab 47. 

, iS'erses' I 89. 

, des hl. Onuphrios 46. 

., des hl. Paulus d. Einsiedlers 

46. 

_ des Pantalewon 47. 

.„ Potros des Iberers 105. 

„ des .Sio V. Mghwime 105. 

„ des Tädewos d. Märtyrers 

47. 

„ des Takla Häjmänot 47. 

, der Walatta Petros 48. 

, des Zar'a Abrehäm 48. 

Bochtiso', Familie der 15, 20. 
Briefe, Armen. Buch der 88. 
Butrus ibn ar-Rähib 31. 
Butrus V. Malig 25. 



Chosrow d. Große 68^ 
Chosrowik 81. 



32. 



Christodulos 27. 

Chronik, Abgekürzte äthiopische 49. 
.„ Georgische in armen. Über- 
setzung 92, 105. 
Chroniken, Alte georgische 105. 
: Chrysostomos 23, 54, 78, 82, 104. 
I Confessio Claudii 56. 

' Dabra Libänos, Kloster 38. 

Damaskus, Griech.-arab. Psalmenfrag- 
ment aus 13 

David III. 102*, 107. 

David, Maronit. Erzbischof 31. 

Dawith d. Unbesiegte 66*, 77, 82, 84. 

Degguä 58. 
i Diatessaron 15. 
, Dionysios v. Alexandreia 78. 
I (Ps.-jDionysios d. Areiopagite 79. 
j Dionj-sios bar Salibhi 24, 54. 
! Dionysios Thrax 86. 
j Dioskurides 21. 
I Domenethi, Katholikos 106. 
I Dominikaner, Ritus der 76. 

Dorotheos 23. 

Efrem d. Jüngere 100 f., 105 f. 

Eghise 66*, 83, 91. 
■ Elias I. 27. 

Elias al- Gauhan 30. 

Elias bar Sinäiä 11. 25, 27, 32. 

"Enbäqöm 38*, 51 f. 
, Epiphanios 23, 78, 85. 

Euagrios v. Pontos 23, 55, 78. 
! Eukleides 21, 79. 

Eusebios v. Herakleia 54. 

Eusebios V. Kaisareia 78, 91. 

Euthymios 101*, 102 f. 

Eutychios s. Sa'id ibn Batriq. 

Evangelium, Apokryphes : " 
arab. zu Florenz 17. 
i der Kindheit des Erlösers 17. 

des Xikodemus 17. 104. 

Eznik V. Kolb 66*, 80. 
! Ezr, Katholikos 77. 
I Ezrabuch, Drittes 41. 

„ Viertes 18, 41, 74. 

Fadl Allah ibn Tädros 14. 
Fahr ed-Din Assad al-Gurgäni 109. 
Faus Manfasäwi, Buch 55. 
Faustos d. Byzantiner 91. 
Fekkäre Ijäsüs _42. 
Festpredigten. Äthiopische 55. 
Fetha Xacrast, Buch 43. 
Filon V. Tiraka 91. 



Register. 



113 



Firm<^iliau?>03 v Kaisareia Jl. 
Flavius Jospphus 91. 

Oadla Hawaijät 41. 

(iadla Saiui'etäi 4G. 

Gagik 89. 

«lalenos 21. 

Galla, Geschichte d.-s Volkes der 50 f. 

Galla-Sprache, Wörterbuch der 57. 

Geheimnisse des Uiiuiuels u. der Erde, 

Buch der 41. 
Geoponika, Syrische 21. 
Georgios, Bischof der Aral^er 89. 
Georgslegeude 46. 
Gerniaiios 79. 

Germauos Farhät 12*. 22, 35. 
Ghwond (Leontios) 92. 
Gijorgis V. Hesba Sejoa 53. 
Gijörgls walda Amid s. al-Makiu. 
Giorgi V. 107. 

Giorgi Mtatzraindeli lOl», 1021, 10 If. 
Gre4or d. Gr. 80 

Grogorioi y. Nazianz 73, 104, 107. 
Gregorios v. Nyssa 7S. 
Gregorios Thaumaturgos 54, 78. 
Grigor IE. 89. 
Grigor III. 70. 
Grigor IV. 70 f.», 88. 
Grigor V. 107. 
Grigor Vir. 89. 
Grigor v. Aghthamar 93. 
Grigor Asaruni 82, 84. 
Grigor v. Chaih. 90. 
Grigor, Diakoa 89. 
Grigor d. Erleuchter 83 f. 
Grigor Miigistros 63 f.*, 79. 86. 8S, 97. 
Grigor v. Xarek 68*, 77, 83. 
Grigor, Priester 93. 
Grigor v. Siunikh 97 f. 
Grigor v. Skewra 83. 
Grigor v. Tathew 7i*, 82 f. 

Häjmänota Abau, Buch 55. 

Hamam Arereltzi 83, 86. 

Härit ihn Siaäti 13. 

Haruthiun s. Sajath Nowa. 

Heidaische Dichtua^ Armeniens 64f. 

Helligenlegende, Altgeorgische lOi. 

Henochbuch 41. 

Heraclensis 15. 

Hermas, „Hirte'" des 41. 

Heron 21. 

Hesychios v. Jerusalem 79. 

Hethum 94. 

Hippokrates 21. 

Baumstark, Christi. Literatur. 



Ilippolytos, Chronik des 91. 
Hippolytos V. Il'jni 104. 
HubaiS ibn al-.\s'ad 20. 
Huiiain ilm Ishaq 20 f., 52. 
Ifvmneubuch, Armenisches 95 f. 
Ilypsikles 21. 

i Ibn al-'Aisal, al-.\s'aJ Abü-l-FaraJ 
Ilibbat Allah 11, 14. 

Ibn al-^Assä!, al-Mu''taman Abö 
Ishaq 11, 22. 27. 

Ibn al-'Assäl, as-Safi Aba-l-FadaMl 
11, 30, 43. 
1 Ibn Kulail s. Sim'"än ibn Maqära 
I Ibn Sabbäg 27. 

Ibn Zur-a 2i*, 25. 

Ignatios (Armen Schriftsteller) SJ. 

Iguatiosbriefe 78. 

Inschriften, Aksumitische 49 f. 
Hettitischj 64. 

Irenäus 78. 

'i;a ibn ''Ali 20. 

Isaias, Himmelfahrt des 41. 

Ishaq ibn Balisak 14. 

Ishaq ibn Huuaiu 2) f. 

Ishaq von Ninive 24, 55. 

Istafan al-Ihdini 33. 

Jacobus de Vitriaco 17. 
, Jahjä ibn ""Adi 22*, 25. 

Jahja ibn al-Batriq 20. 
I Jahjä ibn Hariz 27. 

Jahjä ibn Sa'id 31. 

Jakob I. 93. 

.Ta'^qübh v. Nisibis 78. 

.Ta'qübh v Sörügh 21. 

Jesuitenmission, Literar. Tätigkeit der 
abessinischen 39 f., 5j. 

Joanne v. Mangli 103. 

Joanne Petritzi 107. 

Johannän Säbhä 24, 55. 

Johannes v. Antiocheia 54. 
i Johannes v Damaskus 23, 25, 79, 131. 
! Johannes Klimakos 23, 79, 104. 

Johannes v. Nikiu 51. 

(Ps.-) Joseph V. Arimathäa 104. 

Joseph bon Gorion 51. 

Joseph, Geschichte des Zimmermanns 
17. 

Joseph, Nomokanon des Priesters 30. 

Joseph u. Aseneth, Legende von 74. 

Jowhan V[. 93. 

Jowhan d. Diakoa 70*, 77. 

Jowhan MajraTomi 81. 

JowhLin Maadakuni öS*, 76, 81, 86. 

11. 8 



114 



Register. 



Jowhan v. Odsun 67*, 811, 86. 

Jowhannes, Arzt 89. 

Jowhannes v. Erznka 71*, 82 f., 85 f., 

96 f. 
Jovrhacnes v. Thulgurac 98. • 
Jowhaunes Wanakan 71*, 82 f. 
Jubiläen, Buch der 41. 
Juden, Literatur derabessinischen36f. 
Jühannä as-Sammannüdi 22. 
Jühannä ibn Mäsoja 20 f. 
Julianos v. Haükamassos 81. 
JuYenalis v. Jerusalem 54. 

(Ps.-; Kallisthenes 52, 90, 110. 
Kanones des Athanasios 29. 
„ des BasUeios 28, 87. 
„ Grigors des Erleuchters 87. 
„ des Hippoljtos (od. Julius?) 
28. 
Kanones der Apostel, Kirchliche 29,43. 
,, des Klemens 29. 
., des Makaiios T. Jerusalem 87. 
Kebra Nagast, Buch 48 f. 
Kettf-nkommentar zur Geh. Offenba- 
rung 26. 
Kettenkommentar zum Pentateuch 26. 
Kirakös v. Erznka 90, 96. 
Kirakos v. Gandsak 93. 
Kirchenordnung, Ägyptische 28, 44. 
(Ps.-^Klemens, Koptisch -arabisches 

P.echtsbuch des 29, 
(Ps.-jELlemens 8. auch Apokalypse 

des Petrus. 
Komitas 96. 

Königsannalen, Abessinische 49 f. 
Königslieder. Amharische 61. 
Konstandin t. Erznka 98. 
Konstantinopel, Arab. Beschreibung 

von 34. 
Konstitutionen, Apostolische 29, 43. 
Konzilkanones von Dwin 86. 

^ , Griechische in arme- 

nischer Übersetzung 
36. 
, , Griechische in georgi- 

scher Übersetzung 107. 
j, von Konstantinopel II 

29. 
, Tön Mtzkhetha 107. 

y, von Nikaia I 43. 

.„ von Nikaia II 29. 

y, des Quinisextum 29. 

> der Proviuzialsynoden 

y. von Sahapiwan 86. 

Koriun' 88 f., 100. 



Kyprianosgebet€ 53. 

Kvriakos 25. 

KyriUos III. 11*, 27. 

Kyrillos T. Alexandriea 23, 54, 79. 

Kyrillos v. Jerusalem 78. 

Kyrillos v. Skythopolis 18. 

Labid 34. 

Läggö, Gewohnheitsrecht der 44. 

Lazar v. Farp 89, 92*. 

Lektionar, Allarmenisches 76. 

Lektionare, Arabische 15. 

Liber generationis 91. 

Liturgie, Georgische 103. 

Liturgische Dichtung, Äthiopische 581f , 

Liturgische Texte, Arabische 35 f. 

Mahbt»b 32. 

Makkabäerbuch, Äthiopisches 41. 

Malachia, Katholikos 107. 

Malakhia, Mönch 94. 

Malke'dichtung 59 f. 

Mambre 66*, 81. 

Manasse, Gebet des 74, 

Maqära 30. 

Maqära az-Zain 83. 

2tläri ibn Sulaimän 26. 

Maria Heimgang, Texte über 17, 74. 

Mariendichtungen, Anonyme arabische 
35. 

Marienhymnus, Großer georgischer 107. 

Marienklage, Äthiopische 69. 

Markuskloster, Jakobitisches in Jeru- 
salem 18 f. 

Martyrien, Angebl. antiochen. Märtyrer 
der diokletian. Terfolgnng 46. 

Martyrium des Abo v. Tiflis 105. 

y, der Märtyrer v. Negrän 46. 

, des hl. Menas 46. 

Mashafa Faläsfa Tabibän 52. 

,'," Genzat s. Begräbnisliturgie, 
Äthiopische. 

Mashafa Häwi 55. 

' ^ küfäle s. Jubiläen, Buch der 

Mashafa Miläd 51 f. 

,, Sä'atät s. Tagzeitengebet, 
Äthiopisches. 

Mastotz 75 f. 

Mattheos v. Edessa 93. 

Maximos d. Bekennet 23, 79. 

Wechithar v. Ani 93. 

Mechithar, Arzt 85. 

Mechithar Gos 70*, 83, 87, 90. 

Mechitharisten 64, 72. 



Register. 



115 



Menologien, Melk»tische 19. 

.Mcsrop 65*, 75, 78f.. 91 100. 

Meßliturgio, Abcssinische 44. 
„ Armenische 75 f. 

„ Römische in armen. Über- 

setzung 76. 

MihäMl V. Atripe (Maligi ll», 19, 30, 
4i;, 55. 

Mihii'il V. Damiette 11*, 27, 30. 

Mikha'ei I 32. 91 f. 

Mkrtic 98. 

Mösf bar KCphä 24. 

Moses V. Choni 109. 

Müwses II 85. 

Mowses V. Choren 64 f., 66», 76, 91 f. 

Mowses V. Kaghankatiikh 92. 

Ä[üwscs V. Siun 67. 

Mozaraber 9, 14. 

Sahapet Kucak 98. 

Nä'öd 60. 

Narek, Kloster 68. 

Negranui Semeka, Buch 53. 

Neilos 78. 

Nerses d. Gr. 65*, 86. 

Nerses v. Lambron 70», 79, 81 f., 90. 

Nerses Mokadzi 98. 

Nerses §norhali 69f.*, 77, 83, 88. 95 ff. 

Nikon 23. 53. 

Nina, Akten der hl. 105. 

Nizämi 108. 

Nüh, Patriarch 25. 

Pachomiosregel 55. 
Palästinabeschreibung, Arabische 34. 
Palladios 55. 

Paradies der Väter 55. 90. 
Patriarchengeschichte, Anonyme kop- 
tische 32. 
Paulikianer 80 f. 
Pfsittä 13 ff., 73, 103. 
Petre 107. 

Petrus T. Aragonien 80. 
Philon 78. 
Philoxenos 55. 
Photios 79. 
Pilatusakten 110. 
Pilgerschriften, Arabische 33 f. 
Pia ton 21. 79. 
Polos V. Taron 81. 
Porphvrios 77. 
Proklos 80. 

Proklos V. Koustantinopel 54. 78. 
ProtoeVangelium des Jakobus 74. 
Ptolemaios 21. 57, 



(Jenedichtung 59 f. 

Qfirlös (Kyrillos), Buch 54. 

Qustä ihn Lüqä 21. 

Rechtsbücher, Römische 29. 8ü. 
Hechtssatzungen, Aittesiamentliche 28. 
Kheginos v. Konsiantia 54. 
Rituale, Armenisches 75 f. 
Kitualii-n, Äthiopische 45. 
Rom, Arab. Beschreibung von 34. 
Rufanos 65. 
Russudanroman 109. 

Sa'^adjä Gä'ön 13 f., 40. 

Sabaskloster 9, 18, 23. 

Sabier 10, 

Sahak III 81, 86*, 96. 

Sahak d. Parther 65*, 73, 70 f., 86. 

Sa'id ibn al-Batriq 10*, 31. 

Sajath Nowa 99. 

Salämä 37*, 40, 59. 

Salamdichtung 59 f. 

Samaritanisch-arab. Pen tateuch Über- 
setzung 13. 

Samuel 84. 

Samuel t. Ani 95. 

Samuel v.. Kanieröatsor 82. 

Saragalä Elijas, Buch 53. 

Sargis 81. 83. 

Sargis v. Thmogwi 109. 

Sawäscw 57. 

Sebeos 92. 

SecuDdus, Philosoph 52. 

Seert, Arab. Welt- u. Kirchengeschichte 
von 32. 

Sölibhä ibn Johanna 26. 

Sem'"ön Stvlites 24. 

Senödös 42f. 

Senute 24. 

Senute, Vision des 42. 

Ser^^ata Mangest 43. 

Sergios v. Abergä 56 f., 100. 

Severianus v. Gabala 54, 78. 

Severus v. Asmünain 11*, 24, 31 f., 55. 

Severus v. Svnnada 54. 

Sibylle 42. 

Sim'än ibn Maqära 27. 

Sinai, Katharinak'.oster auf dem 9, 13. 

Sion, Katholikos 86. 

Sirgis ar-Rizzi 13. 

Smbat 87*. 93." 
1 Sokrates 91. 
i Sothä V. Rusthawi 108. 

Ssaba-Ssulchan Orbeliani 110. 

Stefantos 98. 

8* 



116 



Register, 



Stefaunos Asoghik 95 
Stefannos d. Junge 70. 
Stefannos v. Siunikh 79, So 
Stefannos ürhel 94. 
Synaxarion, Äthiopisches 46 f. 

„ Georgisches 104 f. 

„ Jakobitisches 19. 

„ Koptisch-arabisches 19. 

„ Maronitisches 19. 

Syro-Hexaplaris 13. 

Ta'amra Gijörgis 52. 
„ Marjäm 52. ^ 
„ Märjam wa Ijäsüs 52. 

Tabiba Tabibän, Hymnus 60. 

Tagzeitengebet, Äthiopisches 45. 
„ Armenisches 76 f. 

Talmid, Buch 55. 

Taufliturgie, Äthiopische 44. 
„ Armenische 76. 

Ter Israjel 89. 

Testament der zwölf Patriarchen 74. 

Testament unseres Herrn 29, 42, 4t. 

Thamar, Königiu 101*, 107. 

Theimuras I. 108, 110. 

Theoioros Abö Qurra 24 f. 

Theodoros Khethenawor 67. 

Theodosios (Griech. Mathematiker) 21. 

Theodotos v. Agkyra 54, 79. 

Theophilos v. Alexandreia 78. 

Theotokia, Bohairische 59. 

Thomas v. Aquino 80. 

Thomas, Maronitischer Bischof 3<^. 



Thowmaj d. Arzrunier 92 t. 
Thowmaj v Medsob 94. 
: Tigre u. TigriHa 36. 

„ „ „ , Fabeln in 61. 

„ „ „ , Volkslieder in 61. 
Timotheos v. Alexandreia 78. 
Tychikos 85. 

, Uchtanes 93 f. 

I Umajja ibn Abi-s-.Salt 34. 

I Unitoren 72. 



Vulgata 13, 40. 



106. 



Wachtang VI. 102< 
Wachusti 106. 
Wahan v. Nikaia 67 f.*, 79. 
Walda Hejwat 57. 
Wardan' d. Große 71*, 82f., 90, 95. 
Wasserweihe, Armen. Ritus der 76. 
Weddäse Amläk 45. 
Weddäse Marjäm 59. 
Wegführung d. Israeliten nach Baby- 
lon, Apokryphe Geschichte der 18. 

Zar'a Jä'^qöb, Köoig 37 f.*, 43, 51 f., 

55 f., 59 f. 
Zar'a Jä'qöb, Philosoph 57 f. 
Zauberliteratur, Äthiopische 52 f. 
Z§nä Ajhüd 51. 
Zenob v. Glak 89. 
Zuhair 34. 




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